Vom Kotzbrocken zum heißesten Rookie der NBA

Tobias Wiltschek
·Lesedauer: 4 Min.
Vom Kotzbrocken zum heißesten Rookie der NBA
Vom Kotzbrocken zum heißesten Rookie der NBA

Es gab nicht wenige Experten, die die Charlotte Hornets für ihren Pick beim Draft 2020 milde belächelten.

Das Team aus North Carolina war bei der Talenteziehung in der NBA an Nummer 3 dran und zog LaMelo Ball. Sicherlich einer der spektakulärsten und ungewöhnlichsten Rookies seines Jahrgangs, aber eben auch mit vielen Schwächen behaftet. Hieß es. Der nächste in der langen Draft-Flop-Liste des Michael Jordan?

Falsche Wurf-Technik, mangelnde Athletik, schwache Defense und dazu die eine oder andere Disziplinlosigkeit. Mit diesem Stigma betrat LaMelo, der jüngste Sohn von Nervensäge LaVar Ball, die NBA-Bühne. Konnte das gut gehen?

Es kann! Der erst 19-Jährige brauchte gerade einmal zwei Monate, um seine Kritiker Lügen zu strafen. Die Statistiken sprechen für sich: Jüngster Spieler der NBA-Geschichte mit einem Triple-Double, jüngster Spieler der Hornets mit mindestens 30 Punkten in einem Spiel, zweimal schon Rookie des Monats in der Eastern Conference. (Spielplan der NBA-Saison 2020/21)

Ball hält Charlotte Hornets auf Playoff-Kurs

Damit hält vor allem er das Team von Besitzer und NBA-Legende Jordan nach der Hälfte der Saison auf Playoff-Kurs. (Tabellen der NBA)

Was sich hinter den Zahlen verbirgt, zeigt LaMelo in jedem Spiel aufs Neue. Wie er zum Beispiel gegen die Timberwolves Malik Beasley den Ball mit purer Entschlossenheit aus beiden Armen reißt, wie er einen Dreier nach dem anderen versenkt oder wie er seinen Mitspieler Miles Bridges mit Alley-oop-Anspielen zu spektakulären Dunks verhilft.

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All diese Szenen sind zu sehen in einem sechsminütigen Highlight-Video auf der NBA-Seite. Sie sind natürlich auch Ausdruck eines enormen Selbstbewusstseins, das schon früh seinen Markenzeichen war.

Aus seiner Zeit an der High School stammt ein Video, das ihn bei einem versenkten Dreier zeigt – von der Mittellinie, als gerade einmal zwei Sekunden gespielt waren.

So ungewöhnlich diese Aktion, so ungewöhnlich verlief seine gesamte Ausbildung als Basketballer. Mit 16 Jahren nahm ihn sein Vater aus der Schule, engagierte einen Agenten und brachte seinen Sohn in Litauen bei einem Klub namens Prienai unter, wo auch schon sein älterer Bruder LiAngelo aktiv war - ein echtes Abenteuer. Der dortige Trainer verkaufte zum Beispiel Fleisch aus seinem Kofferraum.

Der Aufenthalt war allerdings nach einem knappen halben Jahr schon wieder beendet, nachdem sich Vater LaVar mit dem Trainer überworfen hatte.

Ball zettelt in Litauen Massenschlägerei an

Als er Ende 2018 für mit einer Auswahl der von LaVar gegründeten US-Nachwuchsliga für eine Tournee nach Litauen zurückkehrte, zettelte LaMelo im Spiel gegen BC Dzukija eine Massenschlägerei an – und befeuerte damit das Image der unbelehrbaren Söhne eines nach Aufmerksamkeit lechzenden Vaters.

Im Jahr darauf zog es den mittlerweile 17-Jährigen nach Australien zu den Illawarra Hawks, wo er es verletzungsbedingt nur auf zwölf Spiele brachte. Ab Januar 2020 bereitete er sich dann auf den NBA-Draft vor. Seine Hoffnung: "Es wäre definitiv eine große Sache, der Nr.1-Pick zu sein".

Dazu reichte es zwar nicht. Er wurde hinter Anthony Edwards und James Wiseman nur an Nummer 3 gezogen. Doch mittlerweile stellt er nicht nur diese beiden in den Schatten. Auch sein älterer Bruder Lonzo Ball, 2017 als Nummer zwei von den Lakers gedraftet und nun bei den New Orleans Pelicans aktiv, sah gegen LaMelo keinen Stich.

Im ersten Geschwister-Duell im Januar kam Lonzo auf magere fünf Punkte, während sein vier Jahre jüngerer Bruder mit zwölf Punkten, zehn Rebounds und neun Assists nur haarscharf ein Triple-Double verpasste.

Hornets-Coach Borrego: "Er ist furchtlos"

Wie sehr LaMelo mittlerweile das Spiel der Hornets prägt, zeigt nicht nur die Tatsache, dass er es längst in die Starting Five des Teams geschafft hat, sondern auch das Lob des Trainers.

"Er strotzt nur so vor Selbstvertrauen", sagt Coach James Borrego über seinen Rookie. "Er ist furchtlos." LaMelos Wurf sei eine "großartige Waffe, die einen Großteil seines Spiels ausmacht".

45 Prozent Trefferquote aus dem Feld bei einer Dreierquote von knapp 37 Prozent sind in der Tat keine schlechten Zahlen für einen Point Guard. Darüber hinaus leistet er sich nicht einmal drei Ballverluste pro Spiel. Auch das zeigt, wie schnell er in dieser Liga gereift ist.

Mit ihm könnten die Hornets erstmals nach fünf Jahren wieder in die Playoffs einziehen. Und der frühere Großkotz bis Kotzbrocken selbst, so einst manch uncharmante Bezeichnung, gilt schon jetzt als heißester Anwärter auf die Auszeichnung zum Rookie des Jahres.

Das hatten ihm vor dieser Saison nur die wenigsten Experten zugetraut.