8,9 Sekunden für die Ewigkeit

Stefan Schnürle
Sport1

Die zehn Sekunden am 7. Mai 1995 zählen bis heute zum Spektaktulärsten, was die NBA je gesehen hat.

Genauer gesagt waren es sogar nur 8,9 Sekunden die "Knick Killer" Reggie Miller brauchte, um aus dem Madison Square Garden einen Ort der Trauer zu machen.

"Die Knicks, New York und der Madison Square Garden bringen das Beste in mir zum Vorschein. Immer schon. Es entzündet ein Feuer in mir. Ich möchte nichts mehr, als sie auf ihrer Bühne zu besiegen, ihnen die Show zu stehlen. Mehr geht nicht", schwärmte Miller von seinen Spielen gegen die Knicks.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige


An keinem Abend wurde das deutlicher als an jenem Mai-Abend vor 25 Jahren.

Pacers sind auf Rache aus

Es waren die Eastern Conference Semifinals und die New York Knicks empfingen für Spiel 1 der Serie Millers Indiana Pacers. Die Knicks hatten in beiden Jahren zuvor die Pacers in den Playoffs ausgeschaltet, weshalb diese auf Rache aus waren.

Da Michael Jordan kurz zuvor zu den Chicago Bulls zurückgekehrt war, aber in den Playoffs noch nicht seinen Rhythmus gefunden hatte, war es zudem für beide Teams für einige Zeit die letzte Chance, in die Finals einzuziehen.

Dementsprechend verbissen wurde bereits der Auftakt der Serie geführt. Millers niederländischer Teamkollege Rik Smits spielte eine überragende Partie, erzielte 34 Punkte und hielt zudem noch den All-Star-Center der Knicks, Patrick Ewing, auf mageren elf Punkten.


Dennoch lagen die Knicks 18,9 Sekunden vor Spielende mit 105:99 vor und fühlten sich bereits siegessicher: "Alle dachten, das Spiel sei vorbei, auch die Pacers", sagte TV-Experte und Ex-Trainer Jeff van Gundy rückblickend, der damals Pat Rileys Co-Trainer bei den Knicks war.

Der damalige Pacers-Präsident Donnie Walsh war sogar bereits wutentbrannt aus dem Madison Square Garden in die Kabine gestürmt. Auch für ihn war die Partie entschieden.

Jetzt aktuelle NBA-Fanartikel kaufen - hier geht's zum Shop | ANZEIGE

Nur Miller glaubt an den Sieg

Nur einer sah es anders: Reggie Miller. Die Pacers kamen aus einem Timeout und Miller sagte: "Ok, wenn wir einen schnellen Dreier erzielen, den Rückstand verkürzen, ist alles möglich." Gesagt getan, Miller traf den Dreier und 16,4 Sekunden vor Ende betrug der Rückstand nur noch drei Punkte.

Die Knicks durften den Ball wieder ins Spiel bringen, doch Anthony Mason fand keine Anspielstation. Schließlich warf er den Ball in Richtung Aufbauspieler Greg Anthony, der aber hinfiel. Statt auf den leichteren Zwei-Punkte-Wurf zu gehen, trat Miller einige Schütze zurück und warf erneut von Downtown.


"Ich hätte ganz einfach auf den Layup gehen können. Aber ich sagte mir: 'Lass mich zurück zum Dreier gehen und das Spiel ausgleichen.' Und das ist das, was passierte", sagte Miller.

Dass Anthony den Ball nicht fangen konnte, lag auch an einem Schubser von Miller, wie er selbst bei der Aufnahme in die "Hall of Fame" 2012 zugab. Zuvor hatte er immer behauptet, Anthony wäre ausgerutscht.

Knicks verlieren Fassung

Der zweite Dreier brachte die Knicks endgültig aus der Fassung: "Der zweite hat uns umgehauen. Wir waren völlig desorientiert. Es war wie ein Albtraum, dem wir nicht entkommen konnten. Ich denke heute noch daran. Heute kann ich darüber lachen, aber damals raubte mir Reggie den Schlaf", sagte Mason.

Trotz des Ausgleichs hatten die Knicks immer noch die klar besseren Siegchancen mit dem Ball in ihren Händen – umso mehr, nachdem Sam Mitchell aus unerklärlichen Gründen den bis dato besten Knicks-Spieler John Starks umgehend foulte. Offenbar dachte er, die Pacers liegen noch zurück.


Doch Starks, der mit einer Saison-Quote von 73,7 Prozent verwandelter Freiwürfe kein überragender, aber auch kein mieser Freiwurf-Schütze war, versagten die Nerven. Er war immer noch in Gedanken bei Miller: "Ich ging zur Freiwurfline und dachte: Mann, hat dieser Typ das gerade wirklich getan?"

Die Knicks bekamen noch eine letzte Chance. Ewing schnappte sich den Rebound nach dem zweiten verfehlten Freiwurf. Doch sein Wurf war zu lang und diesmal griff Miller zu, der umgehend gefoult wird. Anders als sein Gegenspieler Starks behielt Miller die Nerven und verwandelte beide Freiwürfe.

DAZN gratis testen und die NBA live & auf Abruf erleben | ANZEIGE 

Miller erzielt acht Punkte in 8,9 Sekunden

In gerade einmal 8,9 Sekunden hatte Miller damit acht Punkte erzielt und die Partie gedreht – doch vorbei war das Spiel immer noch nicht. Gut sieben Sekunden hatten die Knicks noch Zeit, um die bittere Pleite abzuwenden. Doch beim Versuch an Miller vorbeizukommen, stolperte Anthony und fiel hin.


Game over. Der "Knick Killer" hatte wieder zugeschlagen. "Sie haben verkackt" rief er wiederholt auf dem Weg in die Kabine, nachdem er kurz zuvor im Interview mit NBA einen Sweep vorausgesagt hatte.

Mit dem Sweep sollte er zwar nicht Recht behalten, doch am Ende setzten sich die Pacers nach sieben Spielen durch und beendenden Rileys Ära in New York. Für die Pacers sollte es dennoch nicht für die Finals reichen und Miller nie einen NBA-Titel gewinnen.

Mit diesen 8,9 Sekunden am 7. Mai 1995 ist der inzwischen 54-Jährige dennoch in die NBA-Geschichte eingegangen.

Lesen Sie auch