Der verzweifelte Kampf ums Image

Patrick Berger
·Lesedauer: 5 Min.

Das DFB-Team hat ein Image-Problem. Das wissen sowohl Spieler als auch Verantwortliche. Auf verschiedene Art und Weise wollen sie Vertrauen zurückgewinnen.

In der Stimme von Oliver Bierhoff schwang Wehmut mit.

"Wir sind nicht mehr Deutschlands liebstes Kind und das Lagerfeuer", sagte der DFB-Direktor vor dem Testspiel am Mittwoch gegen Tschechien (Mi., 20.45 Uhr) und den beiden Nations-League-Spielen gegen Spanien und Ukraine.

Man habe seit dem historischen WM-Vorrundenaus 2018 mit der Nationalmannschaft "viele Sympathien" verspielt. "Wir wissen", so der 52-Jährige, "dass wir unsere Fans dort enttäuscht haben. Wir wollen das Vertrauen aber Stück für Stück zurückerarbeiten."

Der DFB kämpft um seinen ramponierten Ruf. Nie war die Entfremdung von der Nationalmannschaft, dem Premium-Hochglanz-Produkt des größten Fußball-Verbandes der Welt, zur Fan-Basis größer.

Fast schon verzweifelt merkte Bierhoff an, dass man ihn und Bundestrainer Joachim Löw kritisieren könne, "aber die jungen Spieler haben unser Vertrauen verdient – und sie werden es zurückzahlen. Es tut mir sehr weh, wie mit ihnen umgegangen wird."

DFB schießt sich selbst ins Abseits

Seit über einem Jahr kämpfen sie beim DFB händeringend darum, das angekratzte Image aufzupolieren. Es geht darum, die Gunst der Fans zurückzugewinnen und verloren gegangenes Vertrauen aufzubauen.

Man wollte sich der Basis nähern, legte deshalb die Spiele der Nationalmannschaft in der Vergangenheit extra in kleinere Spielorte wie Mainz. Auf die Menschen zugehen und greifbar werden – das war das Ziel. Corona machte dem Plan allerdings einen Strich durch die Rechnung.

Doch nicht nur die Pandemie ist Schuld: Razzien bei DFB-Führungskräften, interne Konflikte zwischen Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius, der für viele Fans fragliche Umgang mit den 2014er Weltmeisten Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller, eine Flugreise von Stuttgart nach Basel, ausbleibende Erfolgserlebnisse oder ein zuletzt eher langweiliger PR-Auftritt von Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Co. bei "Wer wird Millionär?!" tragen nicht unbedingt zur allgemeinen Erheiterung bei.

Lesen Sie auch: Gündogan berichtet von Corona-Erkrankung

Gündogan und Co. nehmen getrübte Stimmung wahr

"Ich habe schon eine pessimistische Stimmung um die Nationalmannschaft festgestellt", findet Routinier Ilkay Gündogan. "Es scheint so, als ob die Fans zurzeit nicht große Lust auf die Nationalmannschaft haben."

Leipzig-Star Benjamin Henrichs, mit 23 Jahren einer der jüngsten im Kader, weiß: "Vieles ist sicherlich den Ergebnissen geschuldet. Ergebnisse sind das wichtigste im Fußball. Wenn du dann noch schönen Fußball spielst, umso besser."

Der Defensivmann merkte im Gespräch mit SPORT1 aber auch an: "Gegen die Türkei zum Beispiel haben wir quasi mit einer neuen Mannschaft gespielt und in der letzten Sekunde den Ausgleich kassiert. Hinterher schauen alle nur auf das 3:3. Nicht darauf, dass vielleicht viele neue Spieler dabei sind, die sich erst noch finden müssen."

Der Rechtsverteidiger wünscht sich: "Wir müssen wieder dahin kommen, das Fußball-Deutschland hinter uns steht. Wir sind noch auf dem Weg uns zu finden."

Auch Luca Waldschmidt nimmt die negative Stimmung "von außen wahr". Der Stürmer von Benfica Lissabon sagt zu SPORT1: "Es kam zuletzt viel Kritik auf. Wir befinden uns in einem Umbruch und haben viele neue Spieler. Wir geben jedenfalls alles. Wir sind positiv gestimmt und hoffen, dass wir mit guten Leistungen die Menschen in unserem Land auch wieder mitreißen können. Es bringt nur was, wenn wir alle zusammen an einem Strang ziehen und offen für Neues sind. Wir müssen uns gegenseitig helfen."

Fans wenden sich vom DFB-Team ab

Die Fans haben keinen Bock mehr auf die Nationalmannschaft – das zeigten zuletzt auch die sinkenden TV-Quoten. Das 3:3 der B-Elf gegen die Türkei vor einem Monat lockte im Schnitt nicht einmal sechs Millionen Zuschauer.

Robin Gosens sagte kürzlich im SPORT1-Interview: "Wir müssen wieder dahin kommen, dass ein Spiel von uns ein nationales Event ist. Es darf nicht sein, dass die Menschen denken: 'Puh, schon wieder Nationalmannschaft? Ich will lieber Bundesliga schauen.'"

Es scheint, als sei auch der Kredit von Weltmeister-Trainer Löw allmählich aufgebraucht. In einer repräsentativen Umfrage für das Bundesliga-Barometer sprachen sich insgesamt 78,4 Prozent der Befragten für einen Rücktritt des 60-Jährigen spätestens nach der EM-Endrunde im kommenden Jahr aus.

Eine Mehrheit von 55,4 Prozent fordert sogar Löws sofortiges Aus als Coach der deutschen Nationalmannschaft.

Ex-Nationalspieler und Weltmeister Bastian Schweinsteiger, der mittlerweile als TV-Experte arbeitet, monierte: "Man kann sich nicht mehr so 100-prozentig identifizieren mit der Nationalmannschaft – und das ist schade."

Lesen Sie auch: Der vielleicht beste Golfschlag aller Zeiten

Neuhaus will Fans wieder mitreißen

Dabei sind aktuell "viele junge Spieler mit Herz und Leidenschaft" dabei, wie Bierhoff meint. In der Tat: Acht Spieler gehören zum aktuellen Aufgebot, die im Sommer letzten Jahres mit der U21 Vize-Europameister wurden.

Dazu gehört auch Florian Neuhaus. Der Gladbach-Profi, der erst ein Länderspiel auf dem Buckel hat, sagt mit funkelnden Augen zu SPORT1: "Es ist für mich persönlich das Größte, für sein eigenes Land zu spielen. Für mich als Kind waren die Spiele im TV immer das größte. Ich habe mich immer total gefreut, wenn Spiele stattfanden. Wenn Deutschland gespielt hat, war das besonders. War Pflicht zu gucken."

DAZN gratis testen und internationale Fußball-Highlights live & auf Abruf erleben

Er selbst sei seit eh und je "ein Riesen-Fan" der DFB-Elf und habe schon als Kind "jedes Panini-Album, ob EM oder WM" gesammelt. Der 23 Jahre alte Neu-Nationalspieler verspricht: "Wir Spieler tun auf dem Platz alles dafür, dass sich die Stimmung im Land wieder ändert. Wir wollen, dass die Leute nach guten Leistungen mitgerissen werden und sagen: Das war die deutsche Mannschaft, wie wir sie kennen."

In den nun anstehenden letzten drei Spielen des Jahres hat die DFB-Auswahl die Chance, das Bild wieder etwas aufzuhübschen.