Vor dem Viertelfinal-Rückspiel: Das macht Mut für das "Wunder von Madrid"

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Der FC Bayern München steht mit dem Rücken zur Wand. Um zum sechsten Mal in Folge ins Halbfinale der Champions League einzuziehen, muss bei Real Madrid ein Sieg her mit mindestens zwei eigenen Toren. Doch es gibt genügend Gründe, an ein Comeback im legendären Estadio Santiago Bernabeu zu glauben. Aus Madrid berichtet Thomas Gaber.

Der Topstürmer fällt für das Rückspiel gegen die Bayern aus.

Reals Verletzungsprobleme

Zinedine Zidane redete nicht groß um den heißen Brei herum. „Wir hoffen, dass Gareth Bale in ein paar Tagen wieder spielen kann. Für Dienstag wird es definitiv nicht reichen“, sagte der Trainer von Real Madrid am Montag auf der Pressekonferenz am Tag vor dem Spiel gegen die Bayern. Den Waliser zwingt eine Wadenverletzung zu einer Pause.

Damit fehlt Real Madrid ein Spieler aus dem gefürchteten BBC-Sturm mit Cristiano Ronaldo und Karim Benzema. Mindestens einer der drei Angreifer hat in jedem der letzten 52 Pflichtspiele getroffen, wenn BBC in der Startelf standen.

Bale ist von seiner Topform in dieser Saison zwar ein Stück entfernt, er ist aber ein Spieler, der genügend Qualitäten hat, um auch enge Spiele mit einer genialen Aktion entscheidend zu beeinflussen. Seine Schnelligkeit und sein Zug zum Tor, egal ob mit eigenem Abschluss oder als Vorlagengeber, werden Real abgehen. Die Mannschaft ist im Angriff ein Stück schwächer, wenn ein Mitglied aus BBC fehlt.

Vermutlich wird Edeljoker Isco, der Real vergangenen Samstag in der Schlussminute zum 3:2-Sieg in Gijon schoss, Bales Position auf dem rechten Flügel einnehmen.

Zudem müssen die Königlichen wie schon im Hinspiel auf zwei Innenverteidiger verzichten. Pepe und Raphael Varane sind verletzt. Neben Kapitän Sergio Ramos wird erneut Nacho spielen. Anders als im Hinspiel müssen die Bayern den in solchen Spielen unerfahrenen Verteidiger deutlich mehr beschäftigen. Die Münchner müssen aggressiv pressen und die Passwege von Ramos und Nacho zustellen. Hier liegt ein Schlüssel zum Erfolg, da Nacho Schwächen im Aufbauspiel hat.


Hummels, Boateng und Lewandowski an Bord

Robert Lewandowski fehlte den Bayern im Hinspiel an allen Ecken und Enden. Ohne den Polen strahlten die Münchner viel zu wenig Torgefahr aus. Der Stürmer hat seine Schulterprellung auskuriert und wird von Anfang an spielen.

„Dass Lewandowski spielt, hilft uns weiter. Er ist ein Riesentorjäger. Es gibt uns zusätzliches Selbstvertrauen, dass er dabei ist“, sagte Trainer Carlo Ancelotti am Montagabend in Madrid.

Wie man gegen Real Tore schießt, hat Lewy schon einmal eindrucksvoll bewiesen. Im Halbfinal-Hinspiel 2013 erzielte er beim 4:1 von Borussia Dortmund gegen die Königlichen alle vier BVB-Tore.

Bei Mats Hummels und Jerome Boateng sieht es nicht ganz so gut aus, aber beide Innenverteidiger haben schon mal die Reise nach Madrid angetreten. Beide werden alles probieren, um es in die Startelf zu schaffen.

„Für Mats und Jerome ist die Zeit wichtig. Sie müssen am Spieltag noch einmal morgen trainieren, dann werden wir sehen, ob es geht. Beide haben die Chance, zu spielen“, sagte Ancelotti.

Da Javi Martinez gesperrt ist, sind die Bayern mehr denn je auf ihre erfahrenen Weltmeister in der Abwehr angewiesen. Ancelotti nannte als erste Alternative für die Innenverteidigung Joshua Kimmich. Sollten Hummels und Boateng ausfallen, würde zusätzlich David Alaba in der Mitte spielen und Juan Bernat links verteidigen.


Bayern ist stark genug für einen Sieg in Madrid

Der Titelverteidiger spielte im Hinspiel eine beeindruckende zweite Halbzeit. Selten hat eine Mannschaft eine Überzahlsituation auf diesem Niveau derart gut ausgenutzt wie Real. Allerdings versäumten es die Spanier, die Angelegenheit schon in München zu ihren Gunsten zu entscheiden. Ein 4:1 oder 5:1 wäre angesichts der vielen hochkarätigen Chancen möglich gewesen. „Wir hätten mehr Tore schießen müssen, so haben wir nur einen Vorteil und die Bayern sind noch voll im Spiel“, sagte Cristiano Ronaldo.

Auch wenn die Bayern im Hinspiel zu keiner Phase an ihre starken Leistungen aus den Wochen zuvor anknüpfen konnten, hatten sie Real Ende der ersten Halbzeit im Griff und hätten mit einem 2:0-Vorsprung in die Pause gehen müssen. Der FC Bayern ist immer in der Lage, auch in Madrid Dominanz auszustrahlen und Tore zu erzielen. Im Halbfinale 2014 schnürten die Münchner Real im Estadio Bernabeu in der ersten halben Stunde derart ein, dass Real-Keeper Iker Casillas nach dem Spiel vom besten Gegner sprach, der jemals im Bernabeu auflief.

Auch wenn Philipp Lahm den FC Bayern für den „krassen Außenseiter“ hält, gibt es keinen Grund für Pessimismus. Wenn es den Münchnern gelingt, Real anders als im Hinspiel ihr Spiel aufzuzwingen und vor allem offensiv das abzurufen, zu was die Mannschaft im Stande ist, kann es ein legendärer Abend werden.

Der FC Bayern gehört zu den besten fünf Mannschaften der Welt und einer der besten Mannschaften der Welt muss in der Lage sein, im Bernabeu zu gewinnen. Die Bayern sind es.


Historische Glücksmomente

Es gab sie, die magischen Bayern-Nächte, als kaum mehr jemand an sie glaubte. 1988 verloren die Münchner das Hinspiel im UEFA-Cup-Achtelfinale zuhause gegen Inter Mailand mit 0:2. Die vor der Saison 1988/89 von München nach Mailand gewechselten Andreas Brehme und Lothar Matthäus tanzten nach dem Spiel auf dem Rasen des Olympiastadions.

Zwei Wochen verging den beiden Legionären das Lachen. Roland Wohlfahrt, Klaus Augenthaler und Jürgen Wegmann schossen die Bayern vor der Pause innerhalb von neun Minuten mit 3:0 in Front. Am Ende gewannen die Münchner mit 3:1 und gründeten das „Wunder von San Siro“.

2009 eroberten die Münchner ebenfalls ein italienisches Stadion. Vor dem letzten Champions-League-Gruppenspiel bei Juventus Turin hieß es: siegen oder fliegen. Der Rauswurf von Trainer Louis van Gaal nach nur fünf Monaten im Amt war ausgemachte Sache im Falle des Scheiterns.

Nach dem Führungstor von David Trezeguet drehten die Bayern auf und gewannen dank der Treffer von Hans-Jörg Butt (Elfmeter), Ivica Olic, Mario Gomez und Anatolij Tymoschtschuk mit 4:1. Der Weg führte die Bayern anschließend bis ins Finale nach Madrid, wo sie Inter Mailand 0:2 unterlagen.

Das Drama schlechthin erlebten die Bayern in der Saison 1990/91 im Halbfinale des Landesmeisterpokals. Gegen Roter Stern Belgrad gab es zuhause eine 1:2-Hinspielniederlage. Im Rückspiel drehten Klaus Augenthaler und Manfred Bender Belgrads Führungstor; die Bayern führten bis in die Nachspielzeit mit 2:1. Es waren noch Sekunden bis zu einer Verlängerung zu spielen, als sich Augenthaler am Elfmeterpunkt in einen Schuss warf und den Ball in hohem Bogen abfälschte. Torhüter Raimund Aumann boxte sich die Kugel anschließend selbst ins Tor, anstatt ihn einfach zu fangen oder über die Latte zur Ecke zu lenken. Die Bayern waren draußen.

Am Dienstag sollten sich die Münchner ein Beispiel an Odense BK nehmen. Der dänischen Mannschaft ist es bislang als einziger gelungen, eine Heimniederlage gegen Real Madrid noch zu drehen. Im UEFA-Cup-Achtelfinale 1994/95 gewann Real in Dänemark 3:2 und verlor das Rückspiel im Bernabeu 0:2. Den entscheidenden zweiten Treffer erzielte Odense in der dritten Minute der Nachspielzeit mit dem letzten Angriff.

Wie man im Bernabeu gewinnt, haben die Bayern bereits zweimal gezeigt. 2000 spielten sie Real in der Gruppenphase der Champions League beim 4:2 an die Wand, ein Jahr später erzielte Giovane Elber den Treffer zum 1:0-Sieg im Halbfinale der Königsklasse. Zudem zogen die Münchner 2012 durch einen Sieg im Elfmeterschießen in Madrid ins Finale ein. Noch ist also alles möglich.

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen