Schalkes Signal bei Nübel war fatal

Mounir Zitouni
Sport1

Alexander Nübel verlässt im Sommer seinen aktuellen Verein. Fünf Jahre spielte der Torwart für Schalke 04. Sein Vertrag dort läuft im Sommer aus. Nach längeren Verhandlungen entschied er sich, auf Schalke nicht zu verlängern, sondern das Angebot des FC Bayern München (DFB-Pokal, Viertelfinale: Schalke 04 - FC Bayern, Di. ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) anzunehmen. Ein ganz normaler Vorgang, wie er jedes Jahr überall in der Bundesliga vorkommt. Für die Schalke-Fans ist der U21-Nationaltorwart aber damit zum "Verräter" geworden. Die Folge: Liebesentzug.


So groß die Liebe bis zur Ankündigung der Trennung war, so groß ist nun die Wut über seinen Abschied. Wie ein enttäuschter Liebhaber suchen die Fans nun nach Fehlern, Missverhalten und Charakterschwächen, um sie ihm ins Gesicht zu schreien. Wut lässt sich so viel leichter ertragen als Enttäuschung und Schmerz. Es schien als warteten die S04-Anhänger nur auf Fehler, um ihm klarzumachen: "Du bist keiner mehr von uns."

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Nübels Absetzung als Kapitän ein fatales Signal

Nicht sehr förderlich dabei war sicherlich die Absetzung als Kapitän. Das Signal, das der Verein damit an seine Anhängerschaft sendete, war fatal, auch wenn er ihn damit vielleicht schützen wollte. Doch der Druck auf Nübel wuchs und nahm nicht ab. Für den jungen Torwart eine Extrem-Situation.

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Bis zur Bekanntgabe seines Wechsels genoss er den Rückhalt, die Sympathien und Wertschätzung aller Schalker wie kaum ein anderer Spieler. Umso belastender sind nun die Schmährufe, Pfiffe und Beleidigungen. Kein Wunder, dass seine Leistungen darunter leiden. Wer weiß schon wirklich, wie es sich anfühlt, wenn man als Spieler den Eindruck hat, dass ein ganzes Stadion nur auf einen Fehler wartet? Wer weiß schon, wie es sich anfühlt, wenn der komplette Anhang Schmährufe intoniert?

Nübel fehlten von heute auf morgen seine gewohnten Parameter. Gute Leistungen kann man nur dort erbringen, wo man sich auch wohlfühlt, wo man Rückhalt fühlt, wo man weiß, dass man sich auch Fehler erlauben kann. Wenn eine ganze Abteilung bei der Power-Point-Präsentation nur auf einen Versprecher wartet, um sich darüber lustig zu machen, ist die Wahrscheinlichkeit auch groß, dass man sich verspricht.


Mit 23 ist man noch keine gereifte Persönlichkeit. Andere sind da mitten im Studium oder in einer Lehre. Es geht in dieser Zeit ums Lernen, Reifen, Entwickeln und dann ist da plötzlich eine ganze Stadt, ein ganzer Verein, ja gefühlt das ganze Land gegen einen? Wie soll man das mit 23 wuppen?

Nübel hat einfach nur an seine Karriere gedacht

Nübel ist durch die Entscheidung pro Bayern ja kein schlechterer Mensch geworden. Doch die Reaktionen wollen und sollen ihm genau das sagen. Dabei hat Nübel einfach nur an sich, an seine Karriere gedacht. Wer will ihm das vorwerfen? Natürlich, keiner weiß, ob das die richtige Entscheidung war.

Aber was heißt schon "richtig" in diesem Zusammenhang? Spielpraxis, Geld, Titel, rot-weiß, gelb-schwarz oder blau? Worum geht es in der Karriere eines Fußballers? Nübel hat für sich eine Entscheidung getroffen, hat beschlossen, was ihm wichtig ist. Das muss man nicht toll finden, sollte man aber respektieren.


Doch vielleicht hat das, was wir auf Schalke erleben auch ein wenig damit zu tun, was wir generell feststellen: Dass wir in einer Zeit leben, in der Menschen gerne anonym Wut, Ärger und Hass loswerden. Ob im Netz, bei öffentlichen Ansammlungen von Menschen, ob im Stadion oder auf Demos: Eine Hemmschwelle für Beleidigungen und Erniedrigungen ist kaum noch vorhanden. Gegen die DFL, gegen Hopp, gegen die Polizei, gegen die Regierung und nun gegen Nübel: Der extreme Frust ist in vielen Fällen nicht mehr nachzuvollziehen.

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Und auch wenn Nübel sich das derzeit kaum vorstellen kann, wird er diese Zeit überstehen. Und: Ihn wird dieses halbe Jahr im Normalfall zu einem besseren Torwart machen. Wer einen solchen Druck, eine solche Gemengelage hinter sich bringt, der muss sich vor manch anderer Situation nicht mehr fürchten.

Nübel muss sich auf seine Stärken konzentrieren

Aktuell geht es für Nübel aber darum, sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Vor Spielen, Auftritten, Trainingseinheiten helfen dabei Visualisierungen von Momenten, die er als höchst positiv abgespeichert hat. Daneben kann es auch helfen, sich klarzumachen, was es - trotz aller Belastung - an wertvollen Dingen in dieser Situation gibt: Den Rückhalt aus der Mannschaft, die Fürsprache aus dem Verein. Freunde, die ihm den Rücken stärken, etc.

Die Kunst ist es, in dieser extrem angespannten Situation das abzurufen, was Nübel draufhat, wenn er denn auf Schalke noch einmal die Gelegenheit dazu erhält. Auf einen Stuhl zu steigen, der auf einer Wiese steht, ist keine Kunst. Das zu tun, wenn er gefährlich nahe an einem Abgrund steht, ist da schon was anderes. Aber darum geht es nun für Nübel: Den Abgrund auszublenden, die Rufe, die Beleidigungen und sich nur auf sein Tun zu konzentrieren, darauf, was ihn auszeichnet.

Es geht um mentale Stärke. Das ist für einen 23-Jährigen eine Kunst, sicher, doch diese Tage können für Nübel im Rückblick zu den wichtigsten seiner Karriere werden. Denn im Leben ist es oft so: Am meisten lernt man in Krisen über sich und andere. Von daher kann man Nübel nur wünschen, dass er an dieser Situation wächst und nicht zerbricht.

Mounir Zitouni - Autor dieses Textes - arbeitet als Business-Coach für Veränderung, Entwicklung und Persönlichkeit (www.mounir-zitouni.de). Als Ex-Profifußballer (unter anderem Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt) und ehemaliger Sportjournalist (kicker Sportmagazin) weiß er genau um die Anforderungen und den Druck in einem spannungsgeladenen und leistungsausgerichteten Umfeld.

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