Nach Wagners Roter Karte: Antworten und Folgen

Lukas von Hoyer, Reinhard Franke
Sport1

In einem Punkt stimmten Jochen Schneider nach dem Pokalspiel am Dienstagabend zwischen dem FC Schalke 04 und Hertha BSC wohl alle zu: "Diese Entscheidung überlagert den Tag."

Der Schalker Sportvorstand sprach sogar davon, dass er sich nach dem hart erkämpften 3:2-Sieg nach Verlängerung noch gar nicht richtig freuen könne.


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Die Entscheidung, um die es sich handelt, war eine Rote Karte, die für Verwirrung, Unverständnis und Empörung sorgte. Sie ging gegen den Schalker Trainer David Wagner.

Doch was ist passiert und was sind die Folgen?

SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist passiert?

Die folgenschwere Szene ereignete sich in der emotional aufgeladenen Nachspielzeit des Pokalfights. Schalkes Omar Mascarell schickte Gegenspieler Jordan Torunarigha in der 110. Spielminute mit einer Grätsche zu Boden. Der Berliner fiel nach dem harten Tackling in Wagners Richtung.

Der S04-Coach hielt den Herthaner daraufhin leicht am Nacken fest, es sah so aus, als ob er ihm hochhelfen wollte. Torunarigha war aber außer sich und schnappte sich beim Aufstehen eine Kiste mit Trinkflaschen, um sie zu Boden zu schmettern. Daraufhin machte er eine ruckartige Bewegung, in der Realgeschwindigkeit mag es für einen Sekundenbruchteil so ausgesehen haben, als ob Wagner ihn herumriss.

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Der Schiedsrichter Harm Osmers sah sich die Szene am Monitor an. Nach Studium der Fernsehbilder zeigte er Torunarigha für seinen Wutausbruch die Gelb-Rote Karte. Wagner die Rote.

War die Rote Karte berechtigt?

Klare Antwort: Nein. Die Entscheidung ist sogar ein echtes Rätsel.

In der Zeitlupe ist klar zu sehen, dass Wagner Torunarigha sofort loslässt, als dieser sich herumdreht. Auch das Halten zuvor ist eher als ein gut gemeintes Aufhelfen zu deuten. Als der Berliner seinen Frust an der Wasserkiste auslässt, nimmt der Schalker Trainer sofort erschrocken Abstand.

Jede Zeitlupe entlastet Wagner mehr, weswegen die Entscheidung von Osmers nicht nachzuvollziehen ist. Die Gelb-Rote Karte für Torunarigha ist hingegen verständlich. Dass Mascarell mit seinem Tackling ohne Karte davonkam eher nicht.

Lutz Hangartner, Präsident des Bundes deutscher Fußballlehrer, sprach bei SPORT1 sogar von einer "peinlichen Fehlentscheidung" und fügte hinzu: "Mich würde die Begründung des Schiedsrichters interessieren und auch die des Video-Assistenten."

Was sagt Wagner?

"Die zwei Spieler schlittern nach dem Zweikampf in meine Richtung. Ich versuche dem Berliner Spieler aufzuhelfen und habe natürlich dadurch Kontakt mit ihm. Er schmeißt die Wasserflaschen und ich lasse ihn los, weil ich ein bisschen erschrocken bin. Ich habe gar nicht gesehen, dass er die Kiste in der Hand hatte.

Ich war total überrascht, weil ich dachte, dass der Schiedsrichter überprüft, ob es wirklich eine Gelb-Rote Karte war. Dann kriege ich Rot, weil ich die Hand in seinem Nacken hätte, was ich ja auch hatte, das ist ja unbestritten. Ich habe ihn aber weder gepackt, gedrückt, noch gekniffen. Es war gar nichts, außer dass ich ihm hochhelfen wurde. Es war gar nichts."

Wagner konnte die Entscheidung auch am Tag danach immer noch nicht nachvollziehen. "Je länger ich darüber nachdenke, desto sprachloser werde ich", sagte er zu SPORT1: "Ich kann es einfach nicht fassen wie man mein Verhalten dermaßen fehlinterpretieren kann." 


Wer war für die Entscheidung verantwortlich?

Das Sagen auf dem Platz hatte natürlich Schiedsrichter Osmers. Der 35-Jährige ist einer der jüngsten Offiziellen, der Spiele der Bundesliga und des DFB-Pokals pfeift. Seit der Spielzeit 2016/17 leitet der gebürtige Bremer Spiele der höchsten deutschen Liga.

Als Video-Assistent war Dr. Matthias Jöllenbeck im Einsatz. Der 32-Jährige hat noch kein Spiel in der Bundesliga gepfiffen und kommt vor allem in der zweiten Bundesliga und der dritten Liga zum Einsatz.

Was sind die Folgen?

Anders als bei einer Roten Karte für einen Spieler könnte Wagner ohne eine Sperre davonkommen.

"Wir werden die Verhängung der Roten Karte überprüfen und vor allem danach überprüfen, ob es sich um eine offensichtliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters handelt", verriet Anton Nachreiner, Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses, SPORT1.

Ganz verstanden hat auch Nachreiner Osmers Entscheidung nicht: "Ich muss erst mal den Bericht des Schiedsrichters abwarten. Ich weiß also nicht, warum David Wagner vom Platz gestellt wurde. Es muss eine schnelle Entscheidung her."

Hangartner fordert bei SPORT1: "Wagner muss freigesprochen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich hier seitens des DFB für eine Sperre ausspricht. Das wäre ein fatales Zeichen."


Was hat der Rassismus-Eklat um Torunarigha damit zu tun?

Mit der unberechtigten Roten Karte für Wagner zunächst nichts, allerdings hatte der Vorfall offenbar Einfluss auf die wütende Reaktion Torunarighas.

In der zweiten Halbzeit soll der 22-Jährige von der Tribüne rassistisch beleidigt werden sein. Teamkollege Niklas Stark sprach auch von "Affenlauten" in Richtung des Deutschen.

"Jordan ist ein emotionaler Spieler. Wenn so etwas passiert, wäre ich wahrscheinlich auch ausgerastet. Sowas geht nicht. Das ist unmenschlich sowas. Das ist in jeglicher Form abstoßend und darf einfach nicht passieren", bezog Stark Stellung.

Wagner und Schneider entschuldigten sich nach der Partie für die Beleidigungen und kündigten Konsequenzen an.

Welche Rolle spielt die neue Richtlinie der Schiedsrichter?

Seit Beginn der Rückrunde soll die Regel, dass Respektlosigkeiten und Rudelbildungen härter bestraft werden sollen, schärfer geahndet werden.

Die Richtlinie wird aber nicht einheitlich ausgelegt und angewendet.

SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk bezeichnete die Rote Karte für Wagner als "dubios".

"Der guten Absichten folgt ein Chaos", schreibt Gottschalk.


Beim Spiel Werder Bremen gegen Borussia Dortmund sah der Bremer Niklas Moisander nach einem beherzten Greifen ans Trikot des Dortmunders Giovanni Reyna nur die Gelbe Karte.

Eine sehr gnädige Entscheidung, gerade im Verhältnis zur Roten Karte für Wagner.

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