"Was war das?" Schumachers heikler erster WM-Titel

Andreas Reiners
Sport1

Diese eine Sekunde in den französischen Alpen am 29. Dezember 2013 hat für Michael Schumacher alles verändert. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Das gilt natürlich auch für seine Familie, seine Freunde. 

Ja, sogar selbst für seine größten Rivalen ist vieles anders.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass Damon Hill einen bewegenden Tweet absetzte. Er antwortete auf Schumi-Kumpel Felipe Massa, der seinen ehemaligen Ferrari-Teamkollegen einen Lehrer nannte und erklärte, Schumacher sei immer sehr nett zu ihm gewesen.

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"Ich vergebe ihm"

Hill meinte: "Mir gegenüber war er nicht so nett. Aber ich vergebe ihm. Schade, dass wir nie die Möglichkeit hatten, uns besser kennenzulernen. Eine große Schande." Denn dass beide keine Freunde wurden, war kein Geheimnis.

Das lag natürlich auch an der sportlichen Vorgeschichte. Mit dem negativen Höhepunkt vor genau 25 Jahren, am 13. November 1994, in Adelaide. Es war die Zuspitzung eines chaotisch-kontroversen Jahres mit Disqualifikationen und Sperren, dazu dem schwarzen Imola-Wochenende mit dem Tod von Legende Ayrton Senna und dem Österreicher Roland Ratzenberger.

Imola hatte einer ganzen Szene, die sich unverwundbar fühlte, mit einem Schlag die eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt.

Adelaide war aus sportlicher Sicht noch einmal ein Finale furioso, ein abenteuerlicher Abschluss, der zu der gesamten Saison passte.


Denn eigentlich schien die Sache klar: Nach zehn von 16 Rennen hatte Schumacher 31 Punkte Vorsprung, für den Sieg gab es damals bekanntlich noch zehn Zähler. Doch Benetton bewegte sich mit dem Boliden stets im Graubereich des Reglements.

Die Quittung: Durch eine illegale Bodenplatte verlor Schumacher den Sieg in Spa, außerdem war er in Monza und Estoril gesperrt, weil er in Silverstone eine Schwarze Flagge ignoriert hatte.

Nur ein Punkt auseinander

Vor dem Showdown stand es so nur noch 92:91 für den Deutschen, Kopf an Kopf rasten die beiden Rivalen Schumacher und Hill zum letzten Rennen. Nach einer Achterbahnfahrt mit zahlreichen Aufs und Abs war es dann eine Sekunde, ein Fehler, eine Kollision in der 36. Runde, die über Titel und Tragödie entschied.

Was nicht verwundert, denn beide fuhren mit dem Messer zwischen den Zähnen, auf der buchstäblich letzten Rille, am Limit. Und gingen auch ein wenig darüber hinaus, vor allem Schumacher.

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Denn bis heute ist unklar, ob die entscheidende Szene Absicht oder einfach nur ein Rennunfall war. Schumacher war ausgangs Kurve fünf in Führung liegend mit beiden rechten Rädern in die Mauer gerauscht. "Scheiße, jetzt ist der Titel beim Teufel" - Schumacher brachte später bei Motorsport aktuell seine Gedanken auf den Punkt.

Die Lenkung war verbogen, was im Grunde gleichbedeutend mit seinem Aus war.


Hill jedoch hatte in seinem Williams als Zweiter Schumachers Crash nicht gesehen, sondern nur, dass Schumacher neben der Strecke war. Der wiederum wusste, dass der Brite kommen würde.

Die "Falle" schnappte zu.

Hill dachte, Schumacher würde straucheln und sich gerade wieder fangen wollen, als der Benetton hin und her zuckte. Er wollte die sich ihm bietende Chance nutzen, griff in der nächsten Rechtskurve an. Doch Schumacher fuhr beim Einlenken mit dem rechten Hinterreifen über das linke Vorderrad des Williams und landete in den Reifenstapeln - Schumacher war raus, Hill schleppte sich in die Box.

"Jetzt ist alles aus"

"Jetzt ist alles aus", war sich Schumacher sicher, als er aus seinem Boliden kletterte und hinter dem Sicherheitszaun wie versteinert verharrte. "Ich wusste ja nicht, was mit Damon passiert war, ich wusste aber natürlich, dass wir beide viel Vorsprung auf die Viert- Fünft- und Sechsplatzierten hatten, dass es also für Damon kein Problem sein sollte, diesen einen Punkt Vorsprung, den ich hatte, aufzuholen", erinnerte sich Schumacher.

Ein Wechselbad der Gefühle. Freude, Jubel, Enttäuschung, Frust, Furcht – alles gleichzeitig, durcheinander. "Ich wusste überhaupt nichts mehr, ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte, in mir waren sämtliche Gefühle völlig vermischt." Auch gratulierende Streckenposten konnten ihn noch nicht wirklich überzeugen.

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Die Zuschauer sahen live im Fernsehen, wie die Mechaniker verzweifelt versuchten, den Williams zu reparieren, bei dem die Aufhängung beschädigt war. Hill schüttelte immer wieder den Kopf. Er konnte es nicht fassen.

Parallel dämmerte auch Schumacher, was Sache war: Er ist der erste deutsche Formel-1-Weltmeister. Er hat Geschichte geschrieben.

Die Briten schäumen

"Es war schrecklich, da draußen warten zu müssen. Aber es war unbeschreiblich, als es dann endlich feststand. Obwohl ich damals so konfus war, dass ich das gar nicht richtig einordnen konnte. Dass ich Weltmeister geworden sein sollte, das habe ich lange nicht richtig kapiert", sagte er.

Die Briten hingegen schäumten, die Medien verunglimpften Schumacher heftig und auch Hill fragte sich nach dem Studium der TV-Bilder, ob die Aktion nicht doch Absicht war.

Hinzu kam der Eindruck, dass Schumacher kurz vor dem Knall in den Rückspiegel geschaut hat. Er selbst hatte betont, Hill nicht gesehen zu haben.


Der frühere Williams-Teilhaber Patrick Head verriet später einmal, man sei sich sicher gewesen, dass es ein Schumacher-Foul gewesen sei, habe aber aufgrund der schrecklichen Ereignisse in Imola auf einen Protest verzichtet.

"Da 1994 ein so schreckliches Jahr war - wegen des Todes von Ayrton Senna in einem unserer Autos in Imola -, dachten wir, dass es nicht richtig gewesen wäre, wenn Damon Weltmeister geworden wäre, schon gar nicht auf dem grünen Tisch, also sparten wir uns den Protest“, sagte er F1 Racing.


Hill wird noch heute oft auf das Rennen angesprochen. "Viele denken, dass diese Episode keine gute Art und Weise war, eine WM zu entscheiden. Manche werden auf Michael schauen und sagen, das ist der beste Weg, die besten Resultate zu erreichen. Ich wünschte, ich hätte sein Talent gehabt. Aber ich denke nicht, dass ich deswegen auf genau die gleiche Art an den Sport herangegangen wäre", sagte er dem Tagesspiegel.

Wie die Leidenschaft den Verstand verdrängt

Pat Symonds war damals Schumachers Renningenieur, er arbeitete auch mit Senna und Fernando Alonso zusammen. "Bei Michael hat diese flammende Leidenschaft für den Sieg manchmal seinen Verstand verdrängt", sagte er motorsport.com.

Er war damals überzeugt davon, dass Schumacher nicht mit Absicht gehandelt hatte. "Doch wenn man Jahre später die Beweise zusammenzieht, dann fragt man sich schon: Was war das?“.

Doch Kontroverse hin oder her: Es war auf jeden Fall der endgültige Startschuss zu einer unvergleichlichen Karriere.

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