Warum Mehmet Scholl jetzt den DFB retten muss

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Nach dem peinlichen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Russland sucht der DFB noch immer nach den Gründen dafür und lässt sich viel Zeit bei der Aufarbeitung. Ausgerechnet Mehmet Scholl soll nun möglicherweise mithelfen, das DFB-Team wieder in die Spur zu bringen, obwohl er Anfang des Jahres vor allem die Trainerausbildung des DFB kritisiert hatte. Kann das gut gehen? Von Karl Stender.

Mehmet Scholl (Bild: gettyimages)
Mehmet Scholl (Bild: gettyimages)

Wie kommt der Name Mehmet Scholl im Zusammenhang mit dem DFB-Desaster bei der WM eigentlich so plötzlich und wie aus dem Nichts auf die Agenda?  In einem Interview mit der aktuellen “Sportbild” äußert sich der neue Chefausbilder des DFB, Daniel Niedzkowski, zu den Aussagen Scholls, die der Anfang des Jahres getätigt hatte. Niedzkowski sagt: „Inhaltlich hat Mehmet bei uns offene Türen eingerannt […] Es ist auf jeden Fall wichtig, sich inhaltlich mit Kritikern auszutauschen und damit insgesamt offen umzugehen, statt gleich alles abzuwehren.“ Und zack ist der Name Scholl auf dem Tisch. Jener Scholl, der unter anderem auch den DFB hart kritisiert und die Trainerausbildung als “Gehirnwäsche” betitelt hatte.

Der ehemalige Bayern-Star hatte vor allem die junge deutsche Trainergeneration heftig attackiert. Beispielsweise nannte er die Nachwuchstrainer Domenico Tedesco und Hannes Wolf “Systemtrainer”, mit denen der deutsche Fußball noch “sein blaues Wunder” erleben würde. Aus seiner Sicht setze diese neue Generation zu wenig auf das Individuum und zu sehr auf Spielsysteme. Vor allem im Nachwuchsbereich sei das ein großes Problem: “Die Kinder dürfen sich nicht mehr im Dribbling probieren, sie kriegen nicht mehr die richtigen Hinweise, warum ein Pass nicht gelingt, warum ein Dribbling nicht gelingt, warum ein Zweikampf verloren wurde. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen.” Scholl musste zum Teil heftige Kritik für seine Äußerungen einstecken – weil sie am Ende doch gar nicht so weit weg von der Realität waren?

Der DFB braucht einen wie Scholl!

Die Aussagen des Ex-Bayern-Profis waren vor allem eines: unbequem. Scholl hat den Finger in die Wunde gelegt. Und genau so einen bräuchten sie jetzt in der Zentrale des DFB! Jemanden, der sich vor nichts scheut, der die Wahrheit gnadenlos anspricht und die richtigen Fragen stellt.

Bequemlichkeit und Überheblichkeit innerhalb der Nationalmannschaft waren mit ausschlaggebend für das miserable Abschneiden bei der WM in Russland. Erfolg macht manchmal betriebsblind. Mehmet Scholl könnte nun eine entscheidende Rolle einnehmen und die Verantwortlichen wieder aufrütteln, alte Strukturen hinterfragen und vielleicht ja sogar aufbrechen – vor allem weil sich DFB und Joachim Löw arg schnell nach dem Ausscheiden in Russland auf eine weitere Zusammenarbeit geeinigt haben. Zu schnell? Der Erfolgscoach Löw will den Knick in seiner Vita wieder ausbügeln, am liebsten mit einem EM-Titel 2020. Dafür braucht das Team aber neue Impulse. Scholl könnte diese geben.

Vermittler zwischen den Welten

Der Wahl-Münchner ist kein Trainer, schon gar kein Bundestrainer – auch weil ihm dafür die Erfahrung fehlt. Bisher hat er zweimal die Amateure des FC Bayern trainiert, mit mäßigem Erfolg. Der 47-Jährige hat  ganz andere Stärken: Er sieht Dinge, die andere nicht sehen. Legendär ist zum Beispiel seine Geschichte über Toni Kroos, den er einst in der Bayern-Jugend entdeckt hatte und Uli Hoeneß überzeugen konnte, dass dieser Spieler ein Weltstar wird. Auch da lag er richtig.

Man könnte sich den Karlsruher sehr gut in einer übergeordneten Funktion beim DFB vorstellen. Dort braucht es Ideen, Visionen, Strategien.

Vereinsfußball nicht gleich Nationalmannschaft

Rückblick: In einem Interview mit dem ehemaligen Chef-Ausbilder des DFB, Frank Wormuth, mit “spox.com” zu Beginn des Jahres, kurz nach den brisanten Aussagen Scholls, wird deutlich, wo eines der Grundprobleme liegt.

Bundesliga-Vereine und DFB haben unterschiedliche Auffassungen davon, wie Fußball gespielt werden soll. Laut Wormuth setzen die meisten Bundesliga-Teams vor allem eine defensive Absicherung und auf schnelles Umschaltspiel, auch weil der Erfolgsdruck bei den Trainern so groß sei. „Ich weiß von einigen meiner Ex-Schüler, dass sie sehr gerne auch anders spielen lassen würden, aber am Ende zählt in unserem Land eben nur das nackte Ergebnis“. Der Konterfußball der Bundesliga versagt vor allem international, weil auch die spielerischen Lösungen fehlen.

Die Nationalmannschaft spielt unter Löw seit Jahren allerdings Ballbesitzfußball, also grundlegend anders als die meisten Bundesligavereine. Es klafft eine Lücke zwischen Vereinsfußball und Nationalmannschaft, die es nun zu schließen gilt. Scholl wäre genau der richtige Mann, zwischen den beiden Welten als Vermittler aufzutreten und gemeinsam an der Zukunft des deutschen Fußballs zu arbeiten. Sein möglicher Jobtitel: “Director Fußball Operations Germany”.

Mehmet Scholl hat bei seinen Aussagen oft ein große Klappe. Aber es steckt eben auch einiges dahinter. Man kann nur hoffen, dass der DFB mal bei Scholl nachfragt, ihm vielleicht sogar die Chance gibt, seine Ideen einzubringen. Alle beim DFB könnten sich sicher sein, dass das unangenehm werden würde. Und genau das müsste es auch.

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