Wasmeier ledert: "Das ist einfach zu wenig professionell"

Stefan Schnürle
·Lesedauer: 7 Min.

Wohl kaum einer hätte erwartet, dass Deutschland mit drei Silbermedaillen das Medaillenziel für die Ski-WM in Cortina d'Ampezzo bereits nach vier Rennen übertroffen hatte. (Zeitplan der Ski-WM 2021 in Cortina d'Ampezzo)

Das letzte Mal gelang diese Ausbeute nach den ersten vier Rennen einem deutschen Team bei den Heim-Titelkämpfen 1978 in Garmisch-Partenkirchen - doch es ist nicht alles "Silber", was glänzt.

Maier übte im Gespräch mit der ARD deutliche Kritik an der Politik: "Es ist eine ziemlich schwierige Situation für uns im Nachwuchs ist, weil wir die Kinder nicht mehr in den Sport bekommen. Wir sehen, dass wir Potenzial in ganz Deutschland haben, aber können es nicht mehr abrufen. Wir sind politisch so eingeschränkt worden, dass man uns die Kinder eigentlich komplett aus dem Skisport rausgenommen hat, während in ganz Europa intelligentere Lösungen angestrebt wurden."

Maier sorgt sich um deutschen Ski-Nachwuchs

Medaillengewinner aus Deutschland könnten so bald ganz verschwinden: "Mir wird schon ein bisschen Angst, was die Zukunft bringt, weil wir es nicht schaffen - bei allem Respekt für alle Maßnahmen der Pandemie -, dass wir Kinder in den Sport bringen. Und das finde ich nicht in Ordnung, wie man das in Deutschland gerade macht."

SPORT1 hat über dieses Thema mit Ski-Legende Markus Wasmeier gesprochen. Für den Olympiasieger von 1994 ist dies nur ein Teil des Nachwuchsproblems, an dem ihm zufolge auch der DSV eine Mitschuld trägt.

SPORT1: Deutschland hat jetzt dreimal Silber bei der Ski-WM geholt - ist Deutschland plötzlich eine Ski-Macht oder trügt das Bild?

Markus Wasmeier: Eine Ski-Macht sind wir sicher keine. Mit der Mini-Anzahl an Nachwuchssportlern, die wir haben, können wir sicher auch keine Macht werden. Von der Quote der Starter haben wir es voll ausgeschöpft. Wenn ich mir da im Vergleich Norwegen oder Italien anschaue, haben wir eine sehr gute Erfolgsquote für die wenigen Leute, die wir haben.

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Wasmeier kritisiert Bevorzugung des Fußballs

SPORT1: Wolfgang Maier hat scharfe Kritik an der Politik in Deutschland geübt, da die Kinder fast komplett aus dem Skisport genommen worden sind. Der Rest Europas hätte intelligentere Lösungen gefunden – wie sehen Sie das?

Wasmeier: Es ist aktuell eine spezielle Zeit, die viele Verlierer hat. Die Jugend im Sport, die auch Lebensschule für die Kinder ist, zählt dazu. Darum leidet man. Speziell der Skisport, der ein sehr aufwendiger Sport ist. Dadurch, dass viele Schüler jetzt nicht fahren und die Skiklubs ihrer Arbeit nicht nachgehen dürfen, fällt vieles hinten runter. Es gibt eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, auch bei den Jugendlichen. Einige dürfen trainieren, aber das ist nur eine kleine Handvoll. Die anderen können neidisch zu Hause hocken. Der Wolfi Maier hätte wohl gern, dass es etwas mehr Freiheiten gibt. Beim Fußball wird es gemacht. Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Das stört uns alle am meisten, dass es keine Einheit gibt. (Ski alpin: Alle Rennen im LIVETICKER)

SPORT1: Ist die Durchführung von Ski-Training in diesen Pandemie-Zeiten denn sicher möglich?

Wasmeier: Ein Jugendlicher oder Schüler ist drei Stunden auf dem Berg. Meistens nach dem Heimweg von der Schule. Jetzt geht das nicht, daher sind sie meist vier oder fünf Stunden vor dem Computer, was auch nicht förderlich ist. Dann werden sie von den Eltern rausgefahren oder ganz wenige sitzen mit der Maske im Bus. Dann hat der Trainer maximal einen richtigen Kontakt von nur fünf Minuten – aufgeteilt über drei Stunden. Die restliche Zeit ist man auf der Skipiste unterwegs. Wenn man es wie in Österreich steigern könnte, wo Schnelltests selbst machbar sind, könnte man auch etwas dazu beitragen, es Pandemie-gemäß noch professioneller zu machen.

"Da fallen einige Jahrgänge weg"

SPORT1: Laut Maier bringt Österreich aktuell 120.000 und 150.000 Kinder in den Schnee, Bayern 200 - gerät Deutschland in deutlichem Rückstand im internationalen Vergleich?

Wasmeier: Ja, denn da fallen jetzt ein paar Jahrgänge weg. Es geht auch darum, dass man die Kinder am Ball lässt. Die wollten ja und werden jetzt komplett ausgebremst. Da kann es passieren, dass die keine Lust mehr haben, wenn es wieder möglich ist. Manche entwickeln auch erst so viel Spaß, dass sie bei dem Sport bleiben. Aber so wird es schwierig. Bei den Damen kommt zum Beispiel überhaupt nichts nach.

SPORT1: Liegt es nur an der Pandemie oder sehen Sie ein generelles Nachwuchsproblem im DSV?

Wasmeier: Einige Probleme sind selbstgemacht. Man sollte sich auch als Verband sowie die einzelnen Trainer selbst einmal durchleuchten. Beim Fußball wird, wenn es nicht läuft, immer gleich der Trainer rausgeworfen. Im Skisport bleiben nur die Athleten auf der Strecke. Da wird immer kritisiert und angegriffen, was der Aktive wieder verkehrt macht. So kriegt der kein Vertrauen zu den Trainern. Wenn man zum Athleten sagt 'das könnt ihr sowieso nicht, lasst es bleiben' - dann wird es der Athlet oder Jugendliche auch bleiben lassen. In allen anderen Sportarten setzen sie auf Motivation. Aber wenn bei den Alpinen was nicht funktioniert, bist du sofort weg als Athlet. (Alles Wichtige zum alpinen Ski-Weltcup)

SPORT1: Haben sie ein Beispiel dafür?

Wasmeier: Wenn man hinterfragt, warum eine Mannschaft mit einem Jahrgang so stark ist - und dann trainiert ein Trainer mit den Burschen und von zwölf bleiben nur noch zwei übrig. Das kann jetzt nicht nur an den Athleten liegen. Ich habe kein Verständnis, dass da nicht mehr hinterfragt wird. Der Punkt stört mich extrem. Da gibt es Athleten, die ihr Herzblut reinstecken - und ich habe vor allem mit den Jungs oft Kontakt. Die sind leidenschaftliche Skifahrer, aber kriegen kein Vertrauen. Und irgendwann sortieren sie die aus oder Verletzte erfahren im Frühjahr, 'du kannst jetzt daheimbleiben, wir brauchen dich nicht mehr'. Das sind so Dinge, die mich stören.

Wasmeier: "Das ist einfach zu wenig professionell"

SPORT1: Werden Athleten oft zu früh aussortiert?

Wasmeier: Ja. Ich kapier nicht, dass ein 25-Jähriger schon als alt und nicht mehr ausbaufähig gilt. Es gibt Athleten in anderen Nationen, die viel später den Durchbruch schaffen. Einige, die aus der Mannschaft fielen, nahmen Geld in die Hand und versuchten sich mit einem Privatteam wieder reinzuarbeiten. Mancher fährt dann nach drei Jahren auf Weltranglistenplatz 70 vor - und da heißt es dann: 'Du bist am Zenit genommen. Das wird nichts mehr, hör auf.' Der hätte jetzt einen Weltcup-Startplatz – aber statt eines Schulterklopfers sowie Unterstützung kriegt er das zu hören. Das gefällt mir nicht. Da wird zu lax gearbeitet. Das ist einfach zu wenig professionell.

SPORT1: Gibt es auch positive Beispiele, wo es gut funktioniert hat und der DSV geduldig war?

Wasmeier: Ja - wenn wir den Simon Jocher hernehmen. Der war einer der wenigen, die Lust auf die Abfahrt hatten und da auch hingedrillt worden sind, weil er groß ist. Man hat ihm die Zeit gegeben. Er hat sich jetzt drei, vier Jahre lang langsam herangetastet und zuletzt richtig gut verkauft. Aber das ist eine Person. Warum gibt man nicht mehr Athleten die Chance? Da muss man eine Grundbasis schaffen, dass man ihnen mehr Zeit geben kann.

SPORT1: Was müssen DSV oder die Trainer selbst ihrer Meinung nach ändern?

Wasmeier: Mir geht es nicht um die Qualität der Trainer und ob einer die Skitechnik rüberbringen kann. Das traue ich allen zu. Aber das Menschliche und Psychische, die Leute zu halten, da fehlt es. Schaut man sich die USA an. Da wird in der Jugend jedem eingebläut, dass sie alle Weltmeister werden können. Das ist eine andere Mentalität. Aber so bringst du Athleten zu hundertprozentigem Einsatz auf die Piste. In unserem Verband hörst du das selten. Hier gilt eher 'Nix gsagt is gnua globt!' (nichts gesagt ist genug gelobt, Anm. d. Red.), wie man in Bayern sagt. (Ski alpin: Rennkalender der Saison 2020/21)