Darum befindet sich Schalke im freien Fall

Patrick Berger
·Lesedauer: 4 Min.

Der FC Schalke 04 ist seit diesem achten Spieltag Letzter! Ein erneuter Tiefpunkt für die Königsblauen. Der einst so stolze Pott-Klub befindet sich im freien Fall.

Das 0:2 gegen Wolfsburg war das 24. Spiel ohne Sieg in Serie. Aussicht auf Besserung gibt es momentan nicht.

Die Angst vor dem ersten Abstieg seit 1988 wird bei den Fans und rund 600 Mitarbeitern immer größer. Die Probleme sind vielschichtig und nicht allein an einzelnen Personen festzumachen.

SPORT1 analysiert den freien Fall des früheren Europacup-Dauergasts und nennt schonungslos die Baustellen.

Die Mannschaft:

"Die Mannschaft lebt", hatte Omar Mascarell vor dem Wolfsburg-Spiel zu SPORT1 noch gesagt. Das sah am Wochenende aber ganz anders aus. Kein Kampf, keine Leidenschaft, keine Moral. Zur fehlenden Einstellung gesellte sich oft noch Unvermögen.

Die Spieler wirken verunsichert, bisweilen gar ängstlich. Mark Uth gab offen und ehrlich Einblicke in seine Seelenwelt: "Ich bin momentan so bedient und sauer. Ich könnte in die Kabine und einfach nur weinen. Wir kommen in keinen Zweikampf, kriegen nicht mal eine Gelbe Karte. Man hat das Gefühl, dass wir immer zwei Mann weniger sind. Ich frage mich, wie wir so ein Spiel gewinnen wollen?!"

Uth (immerhin schon zwei Tore dieser Bundesliga-Saison) ist aktuell einer der wenigen Spieler, die vorangehen und auch mal intern unbequeme Dinge ansprechen. Trainer Manuel Baum hat bei seinem Dienstantritt klar gemacht, dass Uth, Mascarell und Salif Sané zu seinen wichtigsten Führungsspielern gehören. Bitter: Letzterer wird mit Knieproblemen für die nächsten Wochen ausfallen.

Die Routiniers Benjamin Stambouli und Bastian Oczipka, mit denen der Klub die Verträge verlängerte, gehen aktuell sang- und klanglos mit den anderen Spielern unter.

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Bezeichnend: Amine Harit ist ein Sinnbild der Schalke-Krise. Seit der Vertragsverlängerung im Dezember 2019 geht beim Dribbelkünstler nichts mehr. In Wolfsburg wurde er nach seinem Katastrophen-Auftritt in der 38. Minute ausgewechselt und würdigte Baum keines Blickes. Schneider kündigte in den Ruhrnachrichten an: "Wie er nach seiner Auswechslung vom Platz gegangen ist, das ist nicht akzeptabel. Darüber werden wir mit ihm selbstverständlich sprechen."

Schalke braucht jetzt Profis, die vorangehen. Problem: Die Mannschaft wurde nicht für den Abstiegskampf zusammengestellt. "Wir müssen aber", sagte Uth auf die Frage, ob das Team denn Abstiegskampf kann. "Wir sind mittendrin statt nur dabei."

Der Trainer:

Seit sieben Wochen ist Manuel Baum nun Trainer auf Schalke – ein Sieg wollte ihm bislang nur im DFB-Pokal gegen Viertligist Schweinfurt (4:1) gelingen. In der Liga gab es in sechs Spielen drei Unentschieden. Torverhältnis: 4:13. Strahlte er anfangs noch große Zuversicht aus ("Lasst mich mal machen, ich weiß was ich tue") geht der Kopf allmählich auch bei ihm nach unten. Baum - taktisch eigentlich ein hervorragender Trainer - wirkt teilweise unsicher und ratlos.

Das 0:2 gegen Wolfsburg hat der 41-Jährige mit zu verantworten. Er schickte zunächst eine Dreierkette auf den Rasen mit Stambouli statt Ozan Kabak im Zentrum – eine falsche Entscheidung. "Bis zum 0:2 haben wir mit und gegen den Ball nichts auf die Platte gebracht", monierte er. Erst nach der Systemumstellung auf eine Viererkette bekam die Mannschaft mehr Zugriff.

Nach SPORT1-Informationen steht Baum intern aber (noch) nicht zur Disposition. Sportvorstand Jochen Schneider und der elfköpfige Aufsichtsrat stehen hinter dem Fußball-Lehrer.

Die Führungsebene:

Auf der Führungsebene knirscht es gewaltig. Das Verhältnis zwischen Sportchef Jochen Schneider und dem Technischen Direktor Michael Reschke ist total unterkühlt. Beide sollen nur noch gezwungenermaßen miteinander reden. In der Branche heißt es, die sportliche Führung auf Schalke würde "nicht mehr mit einer Stimme" sprechen.

Seit Juni 2019 arbeitet das Duo zusammen auf Schalke. In drei Transferperioden (und gewiss auch unter den Altlasten der Vorgänger und der finanziellen Lage) konnten sie keine schlagkräftige Truppe zusammenstellen. Über eine vorzeitige Entlassung von Reschke (Vertrag bis 2022) wird intern längst diskutiert.

Die Geschäftsstelle:

Auf der Geschäftsstelle ist die Stimmung arg betrübt. Einige der 600 Mitarbeiter fürchten aufgrund der prekären finanziellen Lage (240 Millionen Euro Verbindlichkeiten) um ihre Jobs. Hintergrund: Der Vorstand plant eine Umstrukturierung.

Zu den aktuellen Veränderungen in der Organisationsstruktur äußerte sich nun Alexander Jobst (Marketing, Vertrieb, Organisation), der als Hardliner gilt: "Für jedes Unternehmen in jeder Branche gilt: Stillstand bedeutet Rückschritt. Was wäre denn die Konsequenz? Weiter so, weil immer so?"

Und: "Selbstverständlich haben wir mit allen Mitarbeitern ausführliche Gespräche geführt, deren Aufgaben sich durch inhaltliche Anpassungen der Organisation ändern. Dass nicht alle Mitarbeiter Gewinner einer Strukturveränderung sind, ist auch klar."

Die Fans:

Der Spott der eigenen Fans nimmt Woche für Woche zu. Viele ertragen die Pleitenserie ihres Herzensklubs nur noch mit Galgenhumor. Nicht wenige würden einen Abstieg sogar als erlösenden Neuanfang sehen.

Hinzu kommt das brisante Thema Ausgliederung. Es spaltet die Fanszene. Jobst in der WAZ: "Ich kann sehr gut verstehen, dass sie (die Ausgliederung; Anm. d. Red.) polarisiert. Schalke 04 ist in seiner jetzigen Struktur an seine Grenzen gestoßen. Wenn der sportliche Erfolg über mehrere Jahre ausbleibt, müssen wir uns mit dieser Thematik beschäftigen.