Whistleblower leben in Angst: "Tod würde wie Unfall aussehen"

SPORT1
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Das Whistleblower-Ehepaar Julia Stepanowa und Vitali Stepanow traut sich auch sechs Jahre nach der Aufdeckung des Dopingskandals im russischen Sport nicht zurück in seine Heimat.

"Wenn sie uns hier in Amerika töten, wird alles unabhängig untersucht, und die ganze Welt erfährt die Wahrheit. Wenn sie uns in Russland töten, werden die Russen es untersuchen und behaupten, es sei ein Unfall", sagte die frühere Leichtathletin Stepanowa dem britischen Evening Standard.

Seit Montag wird vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne der Einspruch Russlands gegen die von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) ausgesprochene Vierjahressperre verhandelt.

Whistleblower packen über Doping aus

Stepanowa und ihr Mann, der bei der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA arbeitete, hatten in der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping" 2014 als Kronzeugen ausgesagt.

Das Paar wohnt heute mit dem gemeinsamen Sohn an einem unbekannten Ort in den USA. Auch wenn sie aus Angst ihre Koffer packen und ihre Heimat verlassen mussten, bereuen sie ihre Entscheidung, an die Öffentlichkeit zu gehen, nicht.

Stepanowa erklärte aber auch, sie fühle sich nicht wie eine Heldin, aber: "Ich bin froh, die Wahrheit zu sagen. Ich muss die ganzen Lügen nicht mehr mit mir herumtragen." An eine Rückkehr nach Russland ist allerdings so bald nicht zu denken: "Solange Putin Präsident ist, ist es für uns nicht sicher, nach Russland zu gehen", so die ehemalige Mittelstreckenläuferin.

Sie sei für den russischen Staatspräsidenten "der Judas", so die 34-Jährige. "Was soll er auch sonst sagen? Natürlich bin ich für ihn Judas. Weil ich die Wahrheit sage und er sie verbergen will, er will betrügen."

Stepanowa: Fühle mich nicht wie Heldin

Für Vitali war die Idee eines saubereren Sports "von Anfang an immer die Hoffnung". Julia hatte selbst im russischen System gedopt. Doch die Hoffnung, dass ihre Aufdeckung wirklich etwas bewirkt hat, ist minimal.

"Wir haben unseren Teil dazu beigetragen, das Problem aufzudecken. Sie betrachten uns weiterhin als Verräter, aber wir glauben nicht, dass sich etwas geändert hat", sagte Witali Stepanow. "Die Anti-Doping-Bewegung hat weiterhin große Probleme in fast allen Ländern dieser Welt."

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Es werde auch weiterhin viele saubere Athleten geben, die bei den Olympischen Spielen um ihre Erfolge betrogen werden. "Aber die Hoffnung ist, dass sich das ganze System Schritt für Schritt verbessert." Stepanowa erklärte, aus ihrer Sicht liege "Betrug in der russischen Mentalität".

Am 9. Dezember 2019 hatte die WADA die RUSADA ausgeschlossen und das Land mit einer Vierjahressperre belegt. Grund sind Manipulationen an Daten aus dem Moskauer Anti-Doping-Labor.

Im Falle der Bestätigung droht Russland der Ausschluss von den Olympischen Spielen 2021 in Tokio, den Winterspielen in Peking 2022 und den Sommerspielen in Paris 2024.

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mit Sport-Informations-Dienst (SID)