Eklat um Afrika-Witz: Cornette erklärt sich, neue Details

Martin Hoffmann
Sport1

Ein Hauch von "Fall Tönnies" in der Showkampf-Welt: Ein fragwürdiger Afrika-Witz hat WWE-Legende Jim Cornette seinen Job bei einer frisch gestarteten Wrestling-Show gekostet.

Die Liga NWA hatte sich für die Bemerkung zunächst nur entschuldigt und sie nachträglich aus der Aufzeichnung der Show entfernt, am Mittwochmorgen US-amerikanischer Zeit verkündete die NWA (National Wrestling Alliance) die Trennung von Cornette.

Inzwischen gibt es neue Hintergründe, auch Cornette hat seine Sicht der Dinge dargestellt und diejenigen um Entschuldigung gebeten, "die sich ernsthaft beleidigt gefühlt haben".

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"Mit Fried Chicken durch Äthiopien"

Cornette - WWE-Fans der Neunziger bekannt als Manager der verstorbenen Legenden Yokozuna, Owen Hart, The British Bulldog und Vader - war für die NWA bei der Old-School-Webshow "Powerrr" im Einsatz (deren Debüt auch von Cornettes früherem Weggefährten Dwayne "The Rock" Johnson lobend erwähnt wurde).

Im dieswöchigen Hauptkampf traf Champion Nick Aldis auf den früheren WWE-Wrestler Trevor Murdoch, den Cornette wiefolgt umschrieb: "Er ist der einzige Mann, den ich kenne, der sich einen Eimer Fried Chicken auf den Rücken schnallen und mit einem Moped durch Äthiopien fahren kann."


Diese Pointe spielte zum einen auf die wiederkehrenden Hungersnöte in dem afrikanischen Land an, zum anderen auf ein rassistisches Stereotyp, das in der amerikanischen Kulturgeschichte tief verankert ist.

Hühnchen-Klischee - auch Tiger Woods ärgert sich schon

Die Vorliebe von Afroamerikanern für frittiertes Hähnchen ist ein Klischee, das seinen historischen Kern in der Ära der Sklaverei hat, in der den meisten schwarzen Sklaven in Amerika nur die Aufzucht von Hühnern als Viehhaltung erlaubt war.

Die herablassende Darstellung von Afroamerikanern als tumbe "Hühnchenfresser" entwickelte sich zu einer gängigen Schablone, beispielsweise in den rassistischen "Minstrel Shows", in der sich Weiße zur Belustigung des weißen Publikums schwarz anmalten. Das Klischee ist vergleichbar damit, wenn Deutsche Türken auf das Thema Döner reduzieren oder Italiener als "Spaghetti-Fresser" abwerten.

Auch im Sport gab es schon Ärger deswegen: 2013 setzte sich der spanische Golfer Sergio Garcia mit einer Einladung von Rivale Tiger Woods zu "Fried Chicken" in die Nesseln - wohl ohne die Implikationen zu kennen. Woods nannte das "falsch, verletzend und eindeutig unangemessen", Garcia bat um Entschuldigung.


NWA: Erst Entschuldigung, dann Trennung

Cornettes fragwürdiger Spruch sorgte nun ebenfalls für einen Sturm der Kritik auf Twitter (plus die üblichen Anschlussdiskussionen, ob der Wirbel nicht übertrieben sei). Die NWA - deren Präsident Smashing-Pumpkins-Sänger und Wrestling-Fan Billy Corgan ist - reagierte am Dienstag zunächst damit, dass sie die Show zwischenzeitlich offline nahm, die Bemerkung herausschnitt und eine Entschuldigung veröffentlichte. "Ein Performer von uns hat Kommentare geäußert, die einige Nutzer beleidigend fanden", schrieb Liga-Vize David Lagana: "Wir bedauern diesen Fehler sehr und bitten um Entschuldigung."


Das war dann aber doch noch nicht das letzte Wort. Am Mittwoch verkündete die Liga: "Jim Cornette hat seinen sofortigen Rücktritt bei der National Wrestling Alliance eingereicht." Auch der Wortlaut der Mitteilung war weniger beschwichtigend und relativierend als der Tweet von Lagana. Aus der Feststellung, dass Nutzer den Kommentar beleidigend fanden, wurde eine klare Positionierung, dass sie auch beleidigend waren.


Cornettes Äußerungen "entsprechen nicht den hohen Standards in Sachen Anstand und guter Glauben der National Wrestling Alliance", führte die Liga aus. Künftig würden neue Standards etabliert, um eine Wiederholung eines solchen Vorfalls zu vermeiden: "Wir bedauern unser Versagen in dieser Hinsicht aufrichtig."

Wie der Observer berichtet, wäre die NWA grundsätzlich bereit gewesen, Cornette zu halten, forderte aber eine schnelle Entschuldigung und eine Auszeit Cornettes. Cornette hätte das abgelehnt und gekündigt.

Jim Cornette machte den Witz auch bei WWE

Cornette veröffentlichte zur selben Uhrzeit wie die NWA einen eigenen Tweet, in dem er auf seinen kommenden Podcast verwies, in den man reinhören sollte, "wenn man mag, wie dummen Menschen erzählt wird, wohin sie sich ihre Dummheit stecken können".


In dem mittlerweile hochgeladenen Podcast bat Cornette, diejenigen, die sich "ernsthaft" gekränkt fühlten, um Entschuldigung, ausdrücklich jedoch nicht bei denen, von denen er den Eindruck hat, sie hätten ihn wegen anderer Themen auf dem Kieker, etwa seiner Dauerkritik an der neuen WWE-Konkurrenzliga AEW.

Cornette will in dem Spruch keinen Rassismus erkennen ("Es ist ein Hungerwitz, kein Rassenwitz"), er hätte ihn in der Vergangenheit immer wieder im TV gesagt und es hätte nie Probleme gegeben. Tatsächlich hat Cornette den Witz praktisch wortgleich schon einmal als Kommentator einer WWE-Show in den Neunzigern gemacht.

Die Grundidee, so Cornette, sei eine ähnliche wie beim Charakter "Starvin Marvin" ("hungriger Hugo") aus "South Park" und dass er den Äthipioern Hunger auf "Fried Chicken" andichtete, sei auch nicht in böser Absicht geschehen: "'Ein Eimer Fried Chicken' klingt einfach lustiger als 'eine Sushi-Platte'."

Kontroversen auch in der Vergangenheit

Generell hat sich Cornette - legendär vor allem als Manager des Midnight Express, des wohl größten Tag Teams der achtziger Jahre - immer wieder als extrem streitbarer Typ hervorgetan und ist auch nicht zum ersten Mal in der Kritik. Auch verschiedene Wrestler hatten ihm schon vorgeworfen, in abwertenden Klischees mit ihnen gesprochen zu haben. Der 58-Jährige aus Kentucky ist dabei übrigens Anhänger der Demokraten und kritisiert in den sozialen Medien immer wieder US-Präsident Donald Trump.

Als Promoter der früheren regionalen Liga Smokey Mountain Wrestling (SMW) spielte Cornette einst richtig hemmungslos mit rassistischen Klischees. Das afroamerikanische Tag Team The Gangstas (New Jack und Mustafa Saed) provozierte das konservative Südstaaten-Publikum mit zahlreichen Anspielungen auf historische und damals aktuelle Rassen-Themen - in Verbindung mit Redneck-Sterotypen.


Unter anderem bestanden sie zeitweise darauf, ihre Matches schon gewonnen zu haben, wenn der Ringrichter beim Pinfall bis zwei statt drei gezählt hatte - als bevorzugende "Affirmative Action" wegen ihrer Hautfarbe. Auch Bezüge auf den Mordprozess gegen O.J. Simpson und höhnisches Posieren mit Fried Chicken und Wassermelonen gehörten zum Repertoire.

Kontrovers war das alles schon damals - in heutigen Zeiten erscheinen solche Auftritte undenkbar.

Cornettes Stolpern über die veränderten Anstands-Standards der Branche erinnert an eine ähnliche Affäre um den früheren WWE- und ECW-Kommentator Joey Styles, der 2016 mehrere Engagements wegen eines Sexismus-Eklats verlor. In Anspielung auf einen Trump-Skandal hatte er zu Ringsprecherin Joanna Rose gesagt: "Wenn unser nächster Präsident heute hier wäre, er würde dir in die ... greifen."

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