Wohn-Protest auf den Dächern Münchens

Johannes GieslerFreier Autor
Yahoo Nachrichten Deutschland

Ein Künstler wohnt in einer kleinen Holzhütte auf den Dächern Münchens – unbemerkt von den Hausbesitzern. Er will damit auf zu hohe Mieten aufmerksam machen.

Jakob Wirth steht vor seiner Holzhütte, die auf dem Dach eines Parkhauses in der Innenstadt Münchens steht und mit dem der Künstler auf die hohen Mieten in der Landeshauptstadt aufmerksam machen will. Foto: Peter Kneffel / dpa
Jakob Wirth steht vor seiner Holzhütte, die auf dem Dach eines Parkhauses in der Innenstadt Münchens steht und mit dem der Künstler auf die hohen Mieten in der Landeshauptstadt aufmerksam machen will. Foto: Peter Kneffel / dpa

Künstlerische Protestaktion gegen zu hohe Mieten: Der 28-jährige Jakob Wirth wohnt derzeit in einer provisorischen Holzhütte – sie misst nicht mal zwei auf zwei Meter Grundfläche – auf einem Münchner Flachdach. Ausgestattet ist sein Heim mit Camping-Kocher, Bett und Schreibtisch. Badezimmer oder Toilette? Fehlanzeige. Dafür reicht der Panoramablick bei gutem Wetter bis hin zum Alpenrand. Das kostet im Monat: Null Euro. Denn die Hausbesitzer wissen nichts von Wirth.

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Das “Recht auf Stadt” einfordern

Er nennt seine Hütte, die komplett mit Spiegelfolie bezogen ist, deshalb „Penthaus à la Parasit“. Laut der zugehörigen Homepage nistet er sich damit in Räumen ein, die „normalerweise den exklusiven Penthäusern vorbehalten sind oder brach liegen“. Mit dieser „Aneignung von oben“ will er auf sein „Recht auf Stadt“ aufmerksam machen, das der Künstler „von fehlenden bezahlbaren Wohnorten“ bedroht sieht.

„Klar ist es frech und provokativ“, sagte er vor kurzem in einem Interview mit dem Stern über seine Aktion. Aber er wolle seine „Vermieter“ nachträglich bitten, die Hütte nicht abbauen zu müssen. Er plant dieses Mal darin mindestens eine Woche zu wohnen.

Wirth hat seine Hütte modular konstruiert. Er kann sie schnell errichten oder zusammenpacken. Das ist manchmal notwendig. Es ist schon vorgekommen, dass er vertrieben wurde oder Hausbesitzer einfach ein Abrissunternehmen gerufen haben. Dann muss er fix sein: Deshalb, so hat er es RTL einmal erklärt, dauert der Auf- oder Abbau nur drei Stunden. Jedes Teil sei so klein, dass es durch jedes Fenster und jede Luke passe: „So können wir uns wie ein Parasit an unterschiedliche Wirte, die Hausdächer, andocken.“

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Um einen neuen Wohnort zu finden, geht Wirth unterschiedliche Wege. Manchmal hängt er Zettel aus mit seiner Handynummer und der Bitte um Tipps. Oder er postet auf Facebook. Dann schreiben ihm Freunde und Fremde Adressen und Erläuterungen, wie man ohne Schlüssel auf das Dach gelangen kann.

34.150 Euro Kaufpreis für unter vier Quadratmeter

Vergangenes Jahr zog Wirth mit seiner 500-Kilogramm-schweren Hütte bereits in Berlin von Dach zu Dach – ebenfalls aus Protest gegen die Mietpreise. Im Oktober bot er seine vier Wände auf dem Immobilien-Portal Immobilienscout24 feil. Zum gängigen Durchschnittsquadratmeterpreis für Wohnungen im obersten Stock „multipliziert mit der 3,6-Quadratmeter-Grundfläche“ – so hat es Wirth in einem Facebook-Beitrag damals geschrieben. Ergeben hat seine Rechnung den folgenden Kaufpreis: 34.150 Euro.

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Beworben hat er sein „prekäres Privileg“, wie er seine Wohnlage selbst nennt, vor allem mit der Aussicht: hoch über Berlin, unverstellter 360-Grad-Rundumblick auf die ganze Stadt. Tatsächlich kamen Interessenten zum Besichtigungstermin. Dabei wollte Wirth seinen illegal errichteten Bau nicht verkaufen – er zielte damit auf Publicity. Und bekam sie: Zahlreiche Medien berichteten damals über sein Inserat die damit verbundene Protestaktion.

In München will er sein Parasiten-Penthaus nicht verkaufen. Derzeit befindet sich Wirth in Corona-Quarantäne. Auf Facebook schreibt er dazu: „Der Parasit begibt sich in Quarantäne mit Blick über die Dächer der Stadt. Auf Grund von fehlenden bezahlbaren Wohnorten in München schafft er eine Nische für Selbstisolation.“ Laut Wirth habe die Pandemie die Frage nach Wohnprivilegien weiter verstärkt – denn das Coronavirus habe gezeigt, was es bedeute, wenn Wohnraum zum einzigen Rückzugsort werde.

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