Wie ein wrestlender Komiker Amerika zum Narren hielt

Martin Hoffmann
Sport1

Hollywood-Superstar Jim Carrey verehrt ihn, setzte ihm ein würdiges Denkmal mit seiner Performance im Film "Man on the Moon". Die Band R.E.M. verewigte ihn schon sieben Jahre zuvor in dem gleichnamigen Song:

Mott the Hoople and the Game of Life - yeah, yeah, yeah, yeah
Andy Kaufman in the wrestling match - yeah, yeah, yeah, yeah

Andrew Geoffrey Kaufman, am 16. Mai 1984 viel zu früh verstorben, blieb der Welt im Gedächtnis als vielleicht brillantester Humorkünstler, den die Welt je gesehen hatte: Er war ein Entertainment-Genie, der mit unorthodoxen Ideen mit unglaublichem Einfallsreichtum das Comedy-Geschäft revolutionierte. Und ganz nebenbei auch noch das Wrestling, für das der am 17. Januar 1949 geborene New Yorker ebenfalls ein Faible hatte.

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Zusammen mit einer regionalen Showkampf-Größe, die später auch bei WWE zur Legende wurde, heckte er eine eigenwillige Crossover-Rivalität aus, mit der er große Teile Amerikas unterhielt und reinlegte.


WWE gab Andy Kaufman einen Korb

Kaufman war wie geschaffen für sein Wrestling-Gastspiel, denn seine Philosophie deckte sich in vielerlei Hinsicht mit der Showsport-Branche.


Auf der Bühne erzählte er keine Witze, er kreierte Situationen und reizte sie aus, spielte dabei oft mit dem Reiz der Täuschung, vermischte kunstvoll Realität und Fiktion. Immer wieder fiel er aus der Rolle und produzierte scheinbar reale Eklats: Auf Comedy-Bühnen inszenierte er gewalttätige Übergriffe seines cholerischen Sänger-Alter-Egos Tony Clifton auf vermeintlich unbeteiligte Fans. Einen Sketch bei der Show "Friday's" brach er mittendrin ab löste damit eine Prügelei aus - aber auch diese waren am Ende nur Teil seiner Show. Es war ein Stilmittel, das es im Wrestling genauso gibt, dort nennt man es "Worked Shoot".

Zu Kaufmans berühmtesten Auftritten gehörten die als "Inter-Gender Wrestling Champion of the World", in denen der schmächtige Kaufman sich Schein-Kämpfe mit Frauen lieferte, diese Idee wollte er bei WWE auf die nächste Stufe heben. Promoter Vince McMahon Sr., damals noch anstelle seines Sohnes bei der früheren WWF in der Verantwortung, lehnte das jedoch ab, er wollte seinen Ring frei halten von derartigen Spirenzchen (unter seinem Sohn undenkbar).


"Ladies and gentlemen: this is toilet paper!"

Kaufman nahm dann stattdessen Kontakt zu Jerry "The King" Lawler auf, dem regionalen Superstar in Memphis, Tennessee. Der schlug begeistert ein.


In der Heimatstadt von Elvis Presley (dessen Imitation Kaufmans Glanznummer war) baute Lawler eine Fehde mit dem prominenten Gast auf - der sich vorher gekonnt die kalte Wut des Südstaaten-Publikums zuzog.

In perfekt auf sein Zielpublikum abgestimmten Videoeinspielern stellte Kaufman klar: "I am from Hollywood, I have the brains" - und erteilte den "Rednecks" höhnische Nachhilfestunden, wie sie Seife und andere Hygieneartikel zu benutzen hätten, um den Gestank in ihrer Gegend zu bekämpfen ("Ladies and gentlemen: this is toilet paper!").


Als der Provokateur Kaufman dann 1982 tatsächlich gegen Lawler antrat, war die Genugtuung der Fans groß, als der "King" dessen Kopf mit seiner Piledriver-Spezialaktion in die Matte rammte.


Jerry Lawler klärte erst Jahre später auf

Lawler und Kaufman traten danach gemeinsam in der Late-Night-Show von David Letterman auf und gifteten dort weiter gegeneinander: Kaufman, der noch eine Halskrause trug, warf Lawler vor, in dem Kampf zu weit gegangen zu sein, ihm absichtlich den Hals gebrochen zu haben. Dabei hätte er doch nur eine Rolle gespielt.

Lawler wiederum zeigte sich genervt, dass Kaufman sich nicht beruhigen konnte und fegte ihn schließlich mit einer schallenden Ohrfeige aus dem Stuhl - worauf Kaufman eine gewaltige, nicht jugendfreie Schimpfkanonade losließ und mit Klage drohte.


Erst in den Neunzigern stellte Lawler klar, dass nicht nur das Wrestling-Match, sondern auch der Letterman-Auftritt reine Scharade war. Kaufman hatte sich in dem Match zwar tatsächlich ungeplant verletzt, aber nicht so schwer, wie sie es dargestellt hätten.

Der "King" war dann auch mit dabei im Jim-Carrey-Film und stellte die berühmte Fehde dort noch einmal nach (wobei Kaufman hinter der Kamera nie wirklich so unberechenbar war, wie er in dem Film dargestellt wurde). Kaufman war zwei Jahre nach der Fehde mit nur 35 Jahren an Lungenkrebs gestorben.


Bahnbrechende Auftritte

Obwohl Kaufman keinerlei athletischen Anlagen hatte, waren seine Wrestling-Auftritte ähnlich bahnbrechend wie die auf der Comedy-Bühne. Die Effektivität seiner Promo-Ansprachen, sein Spiel mit dem Publikum, Realität und Fiktion waren auf einem Niveau, das bis heute nur die Besten der Branche erreichen.

Dass es Kaufman bei seinem Ausflug dorthin nicht um Geld ging, sondern um seine Liebe zum Spiel, bewies eine Anekdote, die Lawlers Promoter Jerry Jarrett später erzählte.

Über Jahre hinweg, so berichtete der Vater des WWE-Hall-of-Famers Jeff Jarrett, sei Kaufman von ihm für seine Auftritte mit Schecks entlohnt worden, so hoch dotiert wie die seiner Hauptkämpfer.

Kaufman hätte nie einen eingelöst.

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