Vom Wunderkind zum Flop? Was bei Joao Félix falsch läuft

Patrick Berger
Sport1

Er konnte sich seinen Verein quasi aussuchen – im Sommer standen nahezu alle europäische Spitzenklubs bei Joao Félix Schlange. Der damals 19-Jährige entschied sich für Atlético Madrid, ging als viertteuerster Spieler aller Zeiten für 126 Millionen Euro von Lissabon in die spanische Hauptstadt.

Vor allem nach seiner Gala im Europa-League-Viertelfinale gegen Eintracht Frankfurt, als Félix im April 2019 beim 4:2 einen Hattrick schnürte, überschlugen sich die Lobeshymnen. Ein Juwel sei er, ein Wunderkind, eine Wunderwaffe. Vergleiche mit Superstar Cristiano Ronaldo (34), Félix' großem Vorbild, wurden schon gezogen. Mehr als ein halbes Jahr später sieht die Welt schon wieder anders aus.


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19 Pflichtspiele machte Félix für Atlético, erzielte vier Treffer, gab eine Vorlage. Der Offensivspieler hat in seiner neuen Heimat enorme Startprobleme, die Marca stellte ihn gar in die Flop-Elf der Hinrunde. Worin liegen die Gründe? SPORT1 nimmt die Probleme von Félix unter die Lupe:

Mentaler Druck

Kenner des portugiesischen Fußballs sehen in Félix, der bei den Colchoneros einen Vertrag bis 2026 unterzeichnet hat, einen introvertierten, fast schon schüchternen Jungen, der einfach nur kicken will. Jetzt gab er in einem Interview mit BenficaPlay tiefe Einblicke in sein Seelenleben.

Der Druck sei bereits nach seinem Wechsel 2015 vom Erzrivalen FC Porto zu Benfica riesig gewesen. Es sei viel über ihn geredet worden, teils hinter seinem Rücken. "Sie haben in den sozialen Medien viel darüber gesprochen, dass ich Porto verlassen habe, um zu Benfica zu gehen, ich weiß auch, dass die Spieler mich nicht mochten", sagte er.


Zwei Tage vor dem Frankfurt-Spiel sei in der Kabine über Félix gelästert worden. Er habe Kommentare gehört, "die ich nicht mochte. Ich ging zur Toilette, um zu weinen. Keiner wusste davon. Aber nachdem ich den Hattrick erzielt hatte, hat es mich befreit, ich hatte alles gegeben."

Angesprochen auf seine bisherige Zeit in Madrid sagt er: "Jetzt sehe ich, wie glücklich ich bei Benfica war. Ich will eines Tages wiederkommen und dem Verein meinen Stempel aufdrücken."

Klar ist: Félix braucht viel Vertrauen, Zuspruch und Unterstützung. Da ist auch Trainer Diego Simeone gefragt.

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Schatten von Antoine Griezmann

Atlético befindet sich vor allem nach dem Abgang von Superstar Antoine Griezmann zum FC Barcelona im Umbruch. Alleine kann Joao Félix, die neue Nummer 7 der Rojiblancos, diesen freilich nicht stemmen. Simeone weiß: "Die Position von Griezmann ist die, die am schwierigsten neu zu besetzen ist. Joao hat eine Perspektive wie sie kein Anderer hat. Wenn ich heute seine Entwicklung als Fußballer betrachte, glaube ich, dass er mehr Tore und Assists haben wird, als Griezmann mit 26 Jahren."


Der Argentinier sagt aber auch: "Unsere Investition über 120 Millionen Euro ist nicht für Eden Hazard, der 30 Jahre alt ist, sondern für einen 19-Jährigen", so der Argentinier.

Heißt: Félix soll keine Soforthilfe, sondern eine Investition mit Weitsicht sein.

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Probleme mit der Physis

Félix legte eigentlich einen guten Start in Madrid hin, verzückte die Fans mit starken Testspiel-Auftritten gegen Juventus Turin und Real Madrid. Seine beiden einzigen Liga-Treffer erzielte er in den ersten sechs Spielen. Danach enttäuschte er aber. Mit der ruppigen Gangart in La Liga hat der schmächtige Bursche so seine Probleme. Die Anpassungsschwierigkeiten zwischen der deutlich schwächeren portugiesischen Liga NOS und der spanischen La Liga sind erkennbar.

Zudem ist Félix, der einst beim FC Porto wegen seiner schmächtigen Art aussortiert wurde, körperlich noch nicht bereit, mehrere Spiele am Stück über 90 Minuten zu gehen. Der Beweis: Nur drei seiner 19 Einsätze machte der Golden-Boy-Gewinner von 2019 über die volle Distanz. Simeone erklärt: "Es hat Spaß gemacht, ihm bisher zuzusehen. Wir werden ihm helfen, ein besserer Spieler zu werden, so wie es jeder von ihm erwartet."

Experten kreiden Joao Félix zudem an, in großen Spielen wie gegen Real oder Juve, wo der Druck am höchsten ist, untergetaucht zu sein.

Im defensivorientierteren System von Simeone hat Félix, der oft als hängende Spitze fungiert, zudem noch nicht seine passende Rolle gefunden.


Verletzungspech

Mitte Oktober zog sich der Stürmer eine Verstauchung am Knöchel zu, fehlte in vier Liga-Spielen und in den beiden Champions-League-Duellen gegen Leverkusen. Danach kam er kaum mehr in seinen anfänglichen Rhythmus.

Immerhin: Im letzten Königsklassen-Spiel führte der portugiesische Nationalspieler (sechs A-Einsätze) sein Team mit einem Treffer zum 2:0-Sieg über Lok Moskau und sicherte das Ticket fürs Achtelfinale.

Joao Félix hinkt hinterher

Auch wenn seine Nominierung für die Flop-Elf der Halbserie hart ist, zeigt sie: Nach seinen starken Leistungen aus dem Vorjahr, als er in seiner ersten Profisaison in 43 Pflichtspielen für Benfica 20 Tore machte und elf Assist gab, ist die Entwicklung von Félix deutlich ins Stocken geraten.

Dennoch zählt er weiterhin zu den größten Talenten in Europa. Geben die Atlético-Bosse Félix Zeit und fördern ihn, können sie über kurz oder lang richtig Freude an ihm haben.

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