Das peinlichste deutsche Länderspiel

Udo Muras
Sport1

Pfingsten 1910. Erstmals spielte Deutschland, das seit 1908 eine Nationalmannschaft hatte, gegen Belgien. Nur um die Ehre, Turniere gab es noch keine außer den Olympischen Spielen.

Aber immerhin 8000 Zuschauer hatten sich eingefunden, noch war Fußball kein Volkssport. Es haperte organisatorisch an allen Ecken und Enden, die Ermittlung des Deutschen Meisters geriet seit der Erstaustragung 1903 mehrmals zur Farce. Und nie wurden die Mängel deutlicher als am Pfingstmontag 1910.

Die Premiere mit dem Nachbarn geriet zur wahren Posse, über die man nach 110 Jahren herzlich lachen kann. Beim 0:3 am 16. Mai 1910 in Duisburg, bis dato die einzige deutsche Heimpleite gegen Belgien, wurden tatsächlich vier Zuschauer zu Nationalspielern.

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Wie das?

Ursache war eine unglückliche Terminkollision, für die der DFB-Spielausschuss viel Prügel einstecken musste. Denn am Vortag fand in Köln das Finale um die Deutsche Meisterschaft zwischen dem Karlsruher FV und Holstein Kiel (1:0) statt. Dass die daran beteiligten Nationalspieler aus Karlsruhe nach Verlängerung und Bankett keine Lust mehr verspürten, am nächsten Tag ein Länderspiel zu bestreiten, ist nachvollziehbar.


Sechs Spieler fielen also aus, aber für genügend Ersatz war nicht gesorgt. Bis eine Stunde vor Anpfiff warteten acht Auserwählte unter Anführung von Kapitän Josef Glaser - einen Bundestrainer gab es nicht - am Treffpunkt noch auf Nachzügler, dann fuhren sie mit der Straßenbahn zum Sportplatz. "Nur nicht drängeln, ohne uns können sie nicht anfangen", scherzte der Leipziger Camillo Ugi, den die Passagiere jedoch nicht erkannten.

DFB-Rumpfteam spielte sogar auf Augenhöhe

Kurz vor Anpfiff waren die Deutschen noch immer keine Elf und so rekrutierte der ausrichtende Verein Preußen Duisburg kurzerhand drei zufällig anwesende Spieler von der Tribüne: Alfred Berghausen (20), Lothar Budzinski-Kreth (23) und Christian Schilling (30) waren zwar alles passable Kicker, dennoch debütierten sie gänzlich unverhofft.

Der spätere DFB-Präsident Peco Bauwens (23) aus Köln dagegen war ein beabsichtigter Debütant, sein Einsatz war vorgesehen. Der Ober-Primaner spielte aus Sorge vor Repressalien seiner Lehrer übrigens, auch das passt zur Mühsal der Pionierzeit, unter dem falschen Namen Breun.

Als er sich verletzte, kam mit dem Duisburger Andreas Breynk (21) nach 55 Minuten ein weiterer Zuschauer zu Länderspiel-Ehren. Bis er umgezogen war, vergingen jedoch zehn Minuten. Es war die erste Auswechslung der DFB-Historie, so etwas war bis Ende des Zweiten Weltkriegs nur bei Testspielen und nach vorheriger Vereinbarung mit dem Gegner erlaubt.

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Das Resultat von 0:3 war unter diesen Umständen kein Wunder. Zur Pause hieß es noch 0:1 durch ein Tor von Brügges de Veen (20.). Die Partie wogte hin und her, auch die Deutschen hatten einige Chancen: Debütant Schilling traf den Pfosten, und sie beklagten ein nicht gegebenes Tor von Reißlandt (73.), der nach einem ohnehin in den Kasten rollenden Schuss von Schilling nachsetzte. Da er im Abseits stand, zählte das Tor nicht. Dumm gelaufen.

Bayern Münchens Gablonsky bekam als einziger Lob

Lange blieb die Partie offen. Rechtsaußen Saeys aus Brügge sorgte kurz vor Schluss (84.) für die Entscheidung, für den Endstand war Van Staeeghem (89.) von RC Brüssel zuständig.

Die Neue Sport Woche stellte fest: "Die deutsche Mannschaft spielte recht und schlecht mit wenigen Ausnahmen, in den letzten 18 bis 20 Minuten klappten Verschiedene völlig zusammen." Ein Lob verdiente sich nur Bayern Münchens erster Nationalspieler Max Gablonsky, "der sich durch schöne Läufe und Technik auszeichnete".

Vor der Pause, da war sich das Publikum einig, hätte er einen Elfmeter bekommen müssen. Am verdienten belgischen Sieg gab es keinen Zweifel, auch wenn das Fachblatt beteuerte "unsere wirklich gute erste Klasse, wie sie in so manchen Kämpfen erprobt ist, hätte die Belgier glatt geschlagen".

Die öffentliche Kritik konzentrierte sich nachher mit einigem Recht auf den Spielausschuss des DFB: "So etwas von Hilflosigkeit, von Dispositionsunvermögen, ist geradezu fabelhaft, und wir dürfen uns für die Niederlage von 3:0 bei den Herren des Spielausschusses bedanken, denen keineswegs bewusst sein dürfte, was sie dem Ansehen des deutschen Fußballsports schuldig waren", geißelte die Neue Sport Woche die Vorgänge des Pfingstmontags 1910: "Diese Herren haben uns geradezu in der formvollendetsten Weise blamiert."


Die allgemeine Kritik nahm sich der DFB zu Herzen. Auf dem folgenden Bundestag in Eisenach wurde beschlossen, dass der zuständige Spielausschuss (Trainer gab es bis 1926 nicht!) von der Praxis der kurzfristigen Einladungen abzusehen habe.

Übrigens: Einer der vier Zuschauer kam sogar noch zu einem weiteren Länderspiel, der Halbrechte Christian Schilling vom Duisburger SV hatte seine Sache wohl gar nicht so schlecht gemacht. Im Oktober 1910 lief er in Kleve auch gegen die Niederlande auf, nun mit zehn richtigen Nationalspielern an seiner Seite. Verloren haben sie trotzdem (1:2).

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