'Zutiefst verstörend‘: Warum dieses Fotolächeln eine ganze Nation empört

·Lesedauer: 3 Min.

Retuschierte Fotos, die lächelnde Opfer des Völkermordes der Roten Khmer zeigen, haben zu heftigen Protesten geführt. Kambodscha fordert eine Entschuldigung von dem Künstler, der die Bilder bearbeitet hat.

Hunderte von Fotos von Gefangenen im Tuol Sleng Genocide Museum, auch bekannt als das berüchtigte Sicherheitsgefängnis 21 (S-21). Quelle: Reuters/Adrees Latif via AAP
Hunderte von Fotos von Gefangenen im Tuol Sleng Genocide Museum, auch bekannt als das berüchtigte Sicherheitsgefängnis 21 (S-21). Quelle: Reuters/Adrees Latif via AAP

Ein Artikel, der am Wochenende auf der US-Webseite von VICE veröffentlicht worden war, enthielt bearbeitete Fotos des Künstlers Matt Loughrey. Diese waren Teil eines Projektes, Fotos von Gefangenen zu kolorieren, die Ende der 1970er in den sogenannten „Killing Fields“ des kommunistischen Regimes in Kambodscha starben.

Angeblich ging es bei dem Projekt des Künstlers darum, die Opfer des berüchtigten Gefängnisses Tuol Sleng oder S-21 und die 14.000 Kambodschaner, die dort unter dem Diktator Pol Pot hingerichtet und gefoltert wurden, zu humanisieren.

Nachdem sie jedoch veröffentlicht wurden, mehrte sich im Internet die Kritik. Denn einigen Lesern fiel ein erschreckendes Detail auf, das auf den ursprünglichen Fotos der Gefangenen so nicht zu sehen war: Einige Personen lächelten nur auf den nachkolorierten Bildern des Künstlers. Viele Kambodschaner verurteilten dies aufs Heftigste.

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„Mit der Technologie herumzuspielen, um die Opfer von S21 zu schminken ... ist eine sehr schwere Beleidigung für die Seelen der Opfer des #Genozids“, schrieb der kambodschanische Exilpolitiker Mu Sochua auf Twitter.

Professorin Tanja Bueltmann, Lehrstuhlinhaberin für Internationale Geschichte an der University of Strathclyde in Glasgow, bezeichnete das Projekt als „zutiefst verstörend“.

„Dieser Kerl hat alte Fotos koloriert und Lächeln in die Gesichter von Menschen eingefügt ... in diesem Fall von Menschen, die bald von den Roten Khmer ermordet werden sollten“, schrieb sie auf Twitter.

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Viele andere kritisierten den Künstler wegen „Verfälschung der Geschichte“.

Youk Chhang, Direktor des Dokumentationszentrums von Kambodscha, verglich die Änderungen damit, ein schmerzhaftes und dunkles Kapitel der Geschichte des Landes neu zu schreiben.

Kambodschas Ministerium fordert die Entfernung der Bilder

Das kambodschanische Kulturministerium forderte Loughrey und VICE in einer Stellungnahme auf, die Bilder zu entfernen.

„Wir fordern Forscher, Künstler und die Öffentlichkeit auf, keine historischen Quellen zu manipulieren, um die Opfer zu respektieren“, sagte das Ministerium.

Eine Online-Petition, die die Entfernung des Artikels forderte, hat in den vergangenen 48 Stunden Tausende von Unterschriften erhalten.

Am Sonntag wurde der Artikel aus dem Netz genommen.

Als er von Reuters kontaktiert wurde, lehnte Loughrey, der in dem VICE-Interview sagte, er habe mit den Familien der Opfer zusammengearbeitet, um die Fotos zu überarbeiten, einen Kommentar ab.

Und auch der Twitter-Account der Webseite My Colourful History Page des Künstlers scheint gelöscht worden zu sein. Auf seiner Website heißt es, bei seiner Arbeit gehe es ihm darum, „eine Brücke zwischen Geschichte und Kunst zu schlagen“.

Laut Reuters war eine Anmerkung der VICE-Redaktion zum Artikel hinzugefügt worden, bevor er von der Webseite verschwand.

„Wir sind darauf aufmerksam gemacht worden, dass die überarbeiteten Porträts, die in diesem Artikel veröffentlicht wurden, über die Kolorierung hinaus verändert wurden. Wir überprüfen den Artikel und erwägen weitere Maßnahmen, um die Aufzeichnung zu korrigieren“, hieß es.

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In einem Facebook-Post am Sonntag übte das National Cambodian Heritage Museum and Killing Fields Memorial scharfe Kritik an den manipulierten Fotos.

„Dies geschah ohne die Zustimmung von Familienmitgliedern, die geliebte Menschen in dem Gefängnis verloren haben“, hieß es.

„In den Gefangenenlagern Tuol Sleng / S21 wurden tausende kambodschanische Zivilisten, darunter auch Kinder und Ältere, inhaftiert, die Folter, Hunger und Schmerzen ausgesetzt waren und schließlich eines gewaltsamen Todes starben.“

Mindestens 1,7 Millionen Kambodschaner starben zwischen 1975 und 1979 während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha.

Nick Whigham

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