• Sport1

    Die irre Doping-Story einer Radsport-Oma

    7α-Methyl-5β-Androstan-3α, 17β-Diol und 17α-Methyl-5α-Androstan-3α, 17β-Diol: Was nicht nur schwierig auszusprechen ist, hat sich für Barbara Gicquel nun zu einem persönlichen Albtraum entwickelt.Dabei hatte die chemische Zusammensetzung in Zusammenhang mit der Verwendung eines Medikaments das Leben der 80-Jährigen zuvor doch lange Zeit so entschieden erleichtert.Als die United States Anti-Doping Agency (USADA), die nichtstaatliche Anti-Doping-Agentur in den USA zur Einhaltung des Anti-Doping-Kodex der WADA, der 80-Jährigen kürzlich eröffnete, sie wegen eines Verstoßes gegen die Anti-Doping-Regeln mit einer einjährigen Sperre zu belegen, reagierte die Kalifornierin fassungslos.DAZN gratis testen und Sport-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGEZu unverständlich klangen die Vorwürfe für Radsportlerin Gicquel, sich wirklich unlauterer Mittel bedient zu haben, nachdem sie bei den USA Cycling Masters Track National Championships 2019 einen Weltrekord für ihre Altersgruppe im Zeitfahren über 500 Meter aufgestellt hatte. Rad-Oma Gicquel wehrt sich nach WeltrekordDoch die dazu abgegebene Urinprobe wies Spuren eines anabolen Steroids namens Methyltestosteron auf, das wiederum seit langem auf der Liste der verbotenen Substanzen der Welt-Anti-Doping-Agentur steht.Eine Rad-Oma also als Betrügerin und Doperin? Dagegen verwahrt sich Gicquel entschieden."Es war eine emotionale Achterbahnfahrt", sagte sie nun der Washington Post, "voller Ängste, Depressionen und Unglauben, dass sie glauben wollten, ich würde dopen, anstatt nur zu versuchen, zu leben."Was die Angelegenheit jedoch höchst kompliziert macht: Gicquel nimmt alters- und krankheitsbedingt bereits seit 2005 ein verschreibungspflichtiges Medikament namens Estratest zur Behandlung von Bronchitis und Problemen im Zusammenhang mit den Wechseljahren. Jeden Tag eine halbe Tablette - Doping?Jeden zweiten Tag nimmt die frühere Raucherin, die zudem eine chronische Lungenerkrankung entwickelte, seither deshalb eine halbe Tablette des Präparats ein, welches das besagte anabole Steroid enthält - und machte sich eigenen Angaben zufolge wenig Gedanken über dessen Auswirkungen.Was auch daran liegen mag, dass Gicquel im Zuge anderen Altersgruppenrekorde bei weiteren Tests nie positiv auffiel. Bis eben nun am 29. August des Vorjahres das Unheil über sie hereinbrach."Ich habe eine Regel gebrochen, indem ich eine verbotene Substanz eingenommen habe", räumt sie ein: "Aber ich habe nicht gedopt."Ob die Großmutter, Therapeutin und passionierte Athletin es sich mit dieser Selbsteinschätzung zu einfach macht, ist schwierig zu beantworten.Schließlich hatte Gicquel bereits vor etwa fünf Jahren erfahren, dass Estratest eine verbotene Substanz enthält, war aber der Meinung, dass diese sie wegen der niedrigen Dosierung und ihres fortgeschrittenen Alters wahrscheinlich nicht disqualifizieren würde. USADA moniert mangelnde TransparenzGenau dieser Punkt ist der verhängnisvolle in Gicquels Betrachtung, wie auch das Schiedsgericht der USADA anmahnte und ihr mangelnde Transparenz vorwarf, nämlich die Verwendung des Medikaments nicht offengelegt zu haben.Die Seniorin habe für sich die einseitige Entscheidung getroffen, "dass die Anti-Doping-Regeln nicht mehr gelten, nachdem die Athletin ein bestimmtes Alter erreicht hat."Alter schützt vor Torheit nicht - da half auch wenig, dass Gicquel für die therapeutische Verwendung des Medikaments rückwirkend eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken suchte.Weil sie "keinen medizinischen Zustand nachweisen konnte, der die Einnahme von Methyltestosteron erforderlich machte", wies die USADA den Antrag ab. Ein-Jahres-Sperre bald schon abgelaufenAllerdings äußerte auch das Schiedsgericht gewisse Zweifel daran, dass das Medikament in derart geringen Mengen tatsächlich einen Wettbewerbsvorteil bedinge: "Da in ihrem Alter nur so wenige Athleten aktiv an Wettkämpfen teilnehmen, sind die Beweise hierzu dünn und beruhen auf der Annahme, dass Methyltestosteron die Leistung aller Athleten fördert, unabhängig von ihrem Alter", hieß es.So oder so: Gicquel, die erst als 57-Jährige mit leistungsbezogenem Radfahren begann und dabei zweimal die USA durchquerte, kapitulierte nun in dem vorausgegangenen Rechtsstreit, akzeptierte die einjährige Sperre - und dürfte erleichtert sein, dass diese rückwirkend bereits seit vergangenem August gilt, sie also bald schon wieder starten darf.Wie sie den Aufstieg in die Altersgruppe der 80 bis 85-Jährigen dann angehen wird, bleibt dennoch spannend:Gicquel ("Ich glaube wirklich, dass die USADA-Regeln geändert werden sollten und dass die Fahrer verschriebene Medikamente einnehmen können sollten") benutzt nach wie vor täglich ihren Inhalator mit dem entsprechenden Präparat.

  • Faktor Corona? Schwere Sturzwelle erschüttert Radsport
    Sport1

    Faktor Corona? Schwere Sturzwelle erschüttert Radsport

    Zwei Wochen vor Beginn der Tour de France hat eine Sturzwelle den gerade erst wieder gestarteten Radsport erschüttert.Nach dem bei der Polen-Rundfahrt im Sprint schwer verunglückten Fabio Jacobsen kam es bei der Lombardei-Rundfahrt und der traditionellen Tour-Generalprobe Dauphiné zu weiteren schweren Stürzen.Unter anderem erwischte es auch den deutschen Hoffnungsträger für die Frankreich-Rundfahrt, Emanuel Buchmann. Stürze gehören im Radsport leider dazu und haben in der Regel unterschiedliche Ursachen, aber die Corona-Pandemie könnte ein unterschätzter Faktor für die aktuelle Häufung sein. Schwere Stürze bei AbfahrtenBei der Dauphiné fielen besonders Probleme auf Abfahrten besonders auf, am Samstag stürzte Buchmann auf der Abfahrt vom Col de Plan Bois - ebenso wie Teamkollege Gregor Mühlberger aus Österreich und der Niederländer Steven Kruijswijk.Buchmann habe "ein großes Hämatom erlitten, jedoch keine Frakturen", wie sein Team Bora-hansgrohe mitteilte, und wurde ins Krankenhaus gebracht.Bei der traditionsträchtigen Lombardei-Rundfahrt fiel Belgiens Phänomen Remco Evenepoel ebenfalls bei einer Abfahrt über die Brüstung einer Brücke und kam fast schon glücklicherweise mit einem Beckenbruch davon - nach den Bildern hatte man das Schlimmste befürchten müssen."Remco hat ein starkes Trauma am rechten Bein erlitten, aber er hat nie das Bewusstsein verloren und auf alle Fragen des Arztes geantwortet", sagte Quickstep-Sprecher Alessandro Tegner der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Restart ohne "Einrollen" mit harten RennenNatürlich sind Abfahrten mit so hohen Geschwindigkeiten immer ein Risiko, aber die Häufung - auch bei Profis mit extrem guter Radbeherrschung wie Evenepoel fällt auf.Dabei spielt möglicherweise die Coronapause eine Rolle. Während sich die Profis normalerweise im Januar und Februar mit Aufbaurennen wie der Tour Down Under für die Hauptsaison in Europa mit den schweren Frühjahrsklassikern und dann den großen Rundfahrten "einrollen", ging es jetzt nach dem Restart direkt mit brutalen Rennen los.Bei Mailand-Sanremo, Strade Bianche, Dauphiné oder der Lombardei wird ein ganz anderes Tempo gefahren, es wird um jeden Zentimeter gerungen - und eben auch mehr Risiko eingegangen. Wettkampfpause und Wetter als RisikofaktorenNormalerweise sind die Profis auf diese knochenharten Rennen aber bereits mit zwei Monaten Rennpraxis vorbereitet, 2020 war das aufgrund der Pandemie schlicht nicht möglich.Training ersetzt den Wettkampf nur bedingt, zudem kann man Abfahrten bei Autoverkehr eben auch kaum simulieren.Dazu kommt das Wetter. Natürlich kann es im Frühjahr bei Sanremo oder Strade Bianche auch warm sein, aber so heiß und trocken wie im August wohl kaum - gleiches gilt für die Lombardei, die sonst im Oktober ausgetragen wird.Bei heißeren Temperaturen gehen die Rennen noch mehr an die Substanz und die Konzentration lässt im roten Fitness-Bereich etwas nach. Begleitfahrzeuge können auch zum Problem werdenEin weiterer Punkt sind die Begleitfahrzeuge. Auch den Motorradpiloten oder sportlichen Leitern im Auto fehlt noch ein wenig die Praxis für ihre stressige Arbeit, entsprechend häufiger können zu Missverständnissen mit den Radprofis auftreten. So kam es bei der "Tortour Ultra" nach einem Unfall mit einem Motorrad sogar zu einem Todesfall.Dass Maximilian Schachmann in der Lombardei von einem Privatauto angefahren wird, ist schlicht Pech, aber auch eine Panne der Sicherheitskräfte und des Fahrers. Tour de France könnte gefährlich werdenBei allem Risiko war die Zusammenstellung des Rennkalenders allerdings alternativlos. Die Fahrer brauchen diese harten Rennen, um sich vor der Tour ausreichend zu belasten. Titelverteidiger Egan Bernal gab die Dauphiné mit Rückenproblemen auf, ob Buchmann starten kann, ist aktuell noch offen. Inzwischen ist auch der Dauphiné-Führende und Tour-Topfavorit Primoz Roglic wegen der Folgen eines Sturzes ausgestiegen. Die Vorsicht der Teams ist verständlich.Denn bei keinem anderen Rennen wird jede einzelne Etappe so hart und schnell gefahren wie bei der Großen Schleife. Zu wichtig sind Erfolge für die Profis und Sponsoren.Aufgrund der Mini-Vorbereitung wird es in diesem Jahr auf Frankreichs Straßen noch gefährlicher. Es bleibt zu hoffen, dass alle Beteiligten ab dem 29. August - so gut es geht - einen kühlen Kopf bewahren.

  • Als sich Ullrich zum Radsport-Kaiser krönte
    Sport1

    Als sich Ullrich zum Radsport-Kaiser krönte

    Nur kurz geht Jan Ullrich aus dem Sattel, beschleunigt mit einigen kräftigen Tritten, dann zieht er davon. Elegant, mit seinem unvergleichlich ästhetischen Stil. Meter um Meter legt der 23-Jährige zwischen sich und seine Konkurrenten, klettert seinem ersten Gelben Trikot und dem großen Triumph bei der Tour de France entgegen."Jan Ullrich erstürmt Andorra Arcalis", wird es danach an diesem 15. Juli 1997 heißen. Der Radsport-Kaiser war geboren.Eben an diesem 15. Juli in den Pyrenäen begann der unwirkliche Hype um das Jahrhunderttalent. Bei seinem Telekom-Kapitän Bjarne Riis und Teamchef Walter Godefroot hatte er sich zuvor noch das Okay für seine Attacke geholt. Und was für eine Attacke das ist! Ullrich lässt seine Konkurrenten wie seinen Kapitän stehen, hat im Ziel 1:08 Minuten Vorsprung auf die Verfolger Marco Pantani und Richard Virenque, 3:23 Minuten auf den schwer geschlagenen Riis.DAZN gratis testen und Sport-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGE  Ullrich holt Gesamtsieg bei Tour de FranceZwölf Tage später erreicht Ullrich die Avenue des Champs Elysees in Paris schließlich mit einem Vorsprung von 9:09 Minuten auf Virenque. Nicht einmal Lance Armstrong, mit dem sich Ullrich später über Jahre duellierte, hatte je einen solchen Abstand auf den Zweiten. "Es war fast wie 1954, als Deutschland Fußball-Weltmeister wurde", erinnerte sich Reporter-Legende Herbert Watterott in der ARD.Auch wenn die Umstände des Triumphs längst einen Schatten geworfen haben, auch wenn Ullrich 2006 nach Aufdeckung der Fuentes-Affäre die Tour wie ein geprügelter Hund verlassen musste, infolgedessen im Februar 2007 seine Laufbahn beendete: Für Ullrich bleibt der Gesamtsieg bei der Frankreich-Rundfahrt das prägende Erlebnis seiner Laufbahn, der historische Erfolg definiert auch sein Selbstwertgefühl."Ich bin immer noch stolz darauf", sagte er, der in den vergangenen Jahren zumeist Negativ-Schlagzeilen wegen seines selbstzerstörerischen Lebenswandels machte. Radsport-Deutschland aber wird sich an Ullrich als den jungen Helden von Arcalis erinnern.