EM-Kader: Löw entscheidet sich für "Unterbrechung des Umbruchs"

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Es ist das letzte Mal, dass Joachim Löw seinen DFB-Kader verkündet. Ein kleines Zurückrudern vom Umbruch soll die richtige Mischung für eine erfolgreiche Mannschaftszusammensetzung bringen.

Die Verkündung war heiß erwartet worden, die Kandidaten, die unbedingt mitmüssten kursierten durch alle Fan-Foren und Medienberichte. Meistens handelte es sich dabei um altgediente DFB-Veteranen. Und tatsächlich, Löw beugte sich dem Druck, zumindest ein Stück weit.

Keine Überraschung im Tor

Die prominentesten Spieler, die Jogi Löw nicht mit zur Europameisterschaft nehmen kann, standen bereits vor der Verkündung des Kaders fest. Denn Marco Reus verzichtete auf eine EM-Teilnahme. Und für die dreifache Top-Besetzung im Tor kam vor wenigen Tagen die Hiobsbotschaft, dass Barças Marc-André ter Stegen sich im Sommer operieren lassen muss. 

An seiner Stelle gehören nun hinter Bayerns Nummer Eins Manuel Neuer die Keeper Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt) und Bernd Leno (Arsenal) mit zum Kader. Vor allem auch die Persönlichkeit als Motivator werde man vermissen, sagte Löw zum Ausfall ter Stegens. An Neuer im Tor führt aber ohnehin kein Weg vorbei.

Comeback Nummer eins: Der Stabilisator

Einen Rückkehrer gibt es mit Mats Hummels in der Verteidigung. Vom BVB-Innenverteidiger erhofft sich Löw die Stabilität, die er in den vergangenen Monaten zu oft vermisst habe. Die Erfahrung des 70-fachen Nationalspielers soll diese nun bringen. Die Nominierung des 32-Jährigen Weltmeisters deutet an, was Löw in der Pressekonferenz als "Unterbrechung des Umbruchs" bezeichnete. 

Hat lange nachgedacht, nun präsentierte Jogi Löw seinen Kader für die EM 2021. (Bild: REUTERS/Thilo Schmuelgen)
Hat lange nachgedacht, nun präsentierte Jogi Löw seinen Kader für die EM 2021. (Bild: REUTERS/Thilo Schmuelgen)

Ob Hummels nicht seinen Zenith überschritten hat und gegen wendigere, schnellere Stürmer zu langsam ist, werden schon die ersten Gruppenspiele zeigen. Offensichtlich ist die komplette Generationenwende nicht wie geplant gelungen, die Ergebnisse in der Nations League sowie das frühe Ausscheiden bei der WM 2018 haben Löw und sein Trainerteam zu einem Umdenken gezwungen. Zuletzt waren die reflexartigen Rufe nach den großen Namen der letzten Jahre immer lauter geworden.

Comeback Nummer zwei: Der Gute-Laune-Stürmer

Zum Teil zollt Löw mit seiner Kaderzusammenstellung dem nun Tribut, denn neben Hummels wird auch Bayerns Thomas Müller sein Comeback im DFB-Dress geben. Der 31-jährige Stürmer hat in dieser Saison seinen eigenen Rekord von 21 Assists bereits eingestellt, nun kann er auch zu seinem 100 Länderspielen noch einige hinzufügen. Eine gefahrlose Nominierung, die zumindest vorerst die Fans beruhigen wird. Nicht mehr dabei ist Marco Reus. Der BVB-Kapitän hatte in Absprache mit den DFB-Trainern verzichtet. 

EM abgesagt: Ist Reus' DFB-Karriere schon zu Ende?

In einem Statement auf den sozialen Medien ließ der 31-Jährige die Fans am Dienstagabend von seiner Entscheidung wissen: "Nach einer komplizierten, kräftezehrenden und am Ende 'Gott sei Dank' erfolgreichen Saison habe ich gemeinsam mit dem Bundestrainer beschlossen, nicht mit zur EM zu fahren." Schade, denn Reus war zuletzt in Form und hatte großen Anteil am geretteten Saisonfinale der Dortmunder.  

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Bayern-Verteidiger Jérôme Boateng dagegen bleibt trotz des Unterstützung der Fans aussortiert, Julian Brandt (BVB) und Julian Draxler (PSG) gehören ebenfalls nicht zum Aufgebot. Auch der Dortmunder Mo Dahoud muss seine Hoffnung auf die EM nach einer gemischten Bundesliga-Saison begraben. Dabei bietet der 26er-Kader sogar Platz für drei Spieler mehr, als bei vorangegangenen Turnieren. Der Verzicht auf alle vier ist aber eine nachvollziehbare Entscheidung.

Bunte Mischung im Sturm

Ein paar Überraschung hatte Löw dann aber doch selbst zu bieten. Zum Beispiel die Nominierung von Christian Günter als Außenverteidiger. Günter hatte sein bisher einziges Länderspiel vor sieben Jahren bestritten, seitdem aber hat der 28-Jährige beim SC Freiburg große Sprünge gemacht. Löw betonte seine "tolle Entwicklung" und lobt seine Dynamik, die Energie ins Spiel bringen könne. Das soll die Dauerbaustelle auf der linken Seite ausbessern, gerade gegen die schnellen Angreifer aus Frankreich und Portugal eine gute Option.

EM! So freuen sich Hummels und Müller

Im Mittelfeld und der Offensive gab es zunächst wenige Überraschungen. Wenig verwunderlich nennt Löw die Mittelfeldachse mit Toni Kroos (Real Madrid), Joshua Kimmich (Bayern) und Ilkay Gündogan (ManCity) als Stützen der DFB-Elf. Davor allerdings baut Löw auf eine bunte Mischung an sehr unterschiedliche Spielertypen. Neben Timo Werner und Kai Havertz (FC Chelsea) und dem Bayern-Block um Leroy Sané, Serge Gnabry, Leon Goretzka, Müller und Neuling Jamal Musiala, dürfen zwei Gladbacher mit zur EM. Florian Neuhaus und Jonas Hofmann überzeugten den Bundestrainer trotz der schwachen Rückrunde ihrer Mannschaft. Für einen Kreativkopf wie Unions Max Kruse sah Löw dagegen offensichtlich keinen Bedarf, dabei hätte so ein frischer Ideengeber in engen Spielen durchaus helfen können. Wegen des schwierigen Verhältnisses zu Löw waren Kruse aber nur Außenseiterchancen eingeräumt worden. 

Ein Durchstarter aus Frankreich

Richtig gefreut haben dürfte sich aber Kevin Volland über seine Nominierung, die viele überrascht haben dürfte. Doch in Monaco ist der 28-Jährige mit 16 Saisontoren noch einmal durchgestartet "Wir waren uns sicher, dass er mit seiner starken Physis und seinem Durchsetzungsvermögen bereichern kann", erklärte Löw die Berufung des zehnfachen Nationalspielers, der seit fünf Jahren nicht mehr zum Kader gehört hatte. 

Comeback nach fünf Jahren: Kevin Volland bei seinem ersten Einsatz im DFB-Trikot 2014. (Bild: REUTERS/Fabian Bimmer)
Comeback nach fünf Jahren: Kevin Volland bei seinem ersten Einsatz im DFB-Trikot 2014. (Bild: REUTERS/Fabian Bimmer)

Eine gute Entscheidung, denn Volland könnte den fehlenden Keilstürmer ein wenig ersetzen, der auch im Strafraum vollstrecken kann. Mit zehn Profis, die im Ausland spielen, ist die Nationalmannschaft übrigens so international besetzt wie lange nicht mehr. Allein sieben Premier League-Spieler gehören zum Aufgebot. Diese Mischung soll den DFB nun erfolgreich bei der EM vertreten.

Der EM-Kader als Geschichtsschreiber

Zwar räumte Löw in der PK nicht ein, den Generationenumbruch zu abrupt eingeleitet zu haben, allerdings zeigt die Berufung von Müller und Hummels, dass der kurzfristige Erfolg bei dieser EM über dem langfristigen Umbau der Mannschaft steht. Das Turnier soll auch dazu dienen, die nach den letzten Leistungen skeptische Fans wieder zu überzeugen. Er wünsche sich Spieler, die auf dem Platz "alles investieren, um erfolgreich zu sein." Diese Einstellung spüre man schon in der Mannschaft. Löw zumindest gibt sich vor seinem letzten Turnier als Bundestrainer sehr optimistisch: "Mein Gefühl ist sehr gut." Zu den absoluten Favoriten zählt er die deutsche Mannschaft momentan nicht, da schiebt er den Druck geschickt an Gruppengegner Frankreich ab. 

An seinen eigenen Abschied denkt Löw indes noch nicht, es ginge jetzt darum, gut ins Turnier rein zu kommen und jedes einzelne Spiel als Finale zu sehen, um es zu gewinnen, sagte er auf der PK. Doch sicher wird der nun berufene EM-Kader und das Abschneiden beim Turnier mit darüber entscheiden, wie die Ära Löw in Zukunft betrachtet werden wird.

VIDEO: EM-Kader: Hier erklärt Löw die Überraschungen Günter und Volland

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