Deutsche Nationalmannschaft: Endlich Schluss mit 2018

Den Sieg verschenkt, Hoffnung geschenkt. Dieses 2:2 der deutschen Nationalelf im letzten Gruppenspiel der Nations League gegen die Niederlande fühlt sich an wie eine Niederlage – und war zugleich sinnbildlich für das total verkorkste Jahr 2018.

Aus Gelsenkirchen berichtet Patrick Strasser

Steht sinnbildlich für das DFB-Jahr 2018: <a class="link rapid-noclick-resp" href="/fussball/spieler/thomas-müller" data-ylk="slk:Thomas Müller">Thomas Müller</a>.
Steht sinnbildlich für das DFB-Jahr 2018: Thomas Müller.

Da spielt das verjüngte und sich endlich im Umbruch befindende DFB-Team in der Schalker Arena, zumindest über weite Strecken, tadellos, teils sogar begeisternd. Doch bei mauer Stimmung verspielte man gegen den Nachbarn vor 42.186 Fans (rund 10.000 Plätze blieben leer) die 2:0-Führung.

Holland glich mit späten Toren (85./90.+1.) noch aus – und wieder hängen die Köpfe. Frust statt Euphorie. “Was am Ende passiert ist, bleibt hängen. Richtig bitter. Wir haben verpasst, den Deckel draufzumachen”, ärgerte sich Toni Kroos und Timo Werner, neben Leroy Sané Torschütze in der furiosen ersten Halbzeit, schimpfte: “Das Spiel dürfen wir niemals wieder hergeben.”

Haben sie aber – in nur wenigen Minuten. Welch teures Vergnügen, ständig Lehrgeld zu zahlen. “So ein Spiel muss man normalerweise nach Hause bringen, wir sind am Ende bestraft worden, das ist natürlich bitter”, zeigte sich Bundestrainer Joachim Löw und lamentierte: “Es zieht sich ein bisschen durch das Jahr.”

Deutschland vs. Niederlande: Die Reaktionen

Der Preis der Jugend

Merke: Ein Unglück kommt selten allein. Sechs Niederlagen im Kalenderjahr, ein Negativrekord, das dramatisch-blamable WM-Aus in der Vorrunde, nun der Abstieg aus der Nations League – 2018 geht als Horror-Jahr in die Annalen der Geschichte der Nationalmannschaft ein. Nicht nur für Löw war es “schmerzhaft”, man habe “eine richtige Ohrfeige kassiert”, sagte der Bundestrainer, zuvor viele Jahre vom Glück geküsst und vom Erfolg verwöhnt.

Das Jahr des Rückschritts endete mit einem erneuten Rückschlag. Hoffentlich inklusive Lerneffekt. “Das ist der Preis, den eine junge Mannschaft bezahlen muss. Das sind Erfahrungswerte, die man macht. Daraus muss man lernen”, so Löws Vorgabe für die Zukunft.

Das Offensiv-Trio Werner, Sané und Gnabry trifft und glänzt

Nur drei Treffer hatte die DFB-Elf vor Anpfiff des Duells mit Holland in den letzten sechs Pflichtspielen (inklusive der WM) erzielt. Diese traurige, historisch schlechte Bilanz wurde immerhin aufgehübscht. Das Offensiv-Trio Werner, Sané und Serge Gnabry bestach durch Tempo, Spielwitz und Abschlussstärke. Beim 3:0 im Test gegen Russland letzte Woche gehörten Sané und Gnabry zu den Torschützen.

Teammanager Oliver Bierhoff pries deren – offensichtliche – Schnelligkeit, forderte jedoch: “Sie müssen noch Konstanz bekommen.” Das magische Dreieck, dessen Geburtsstunde das 1:2 in Frankreich im Oktober war, lässt für die nächsten Jahre hoffen. Da wird es selbst der erfahrene BVB-Kapitän Marco Reus, einer der besten Spieler der bisherigen Bundesliga-Saison, schwer haben, einen Stammplatz in der Offensive zu ergattern – von Thomas Müller, dem Löw durch die Einwechslung sein 100. Länderspiel schenkte, ganz zu schweigen.

Müller, die Sternschnuppe der Nationalelf, steht sinnbildlich für das Verblassen der Weltmeister von 2014. Jérôme Boateng spielte seit dem demaskierenden 0:3 im Oktober in Amsterdam gegen die Niederlande nicht mehr, erhielt für die November-Partien eine Pause. Mats Hummels durfte am Montagabend ran, ist aber nicht mehr so unumstritten wie Kapitän Manuel Neuer oder Spielmacher Toni Kroos.

Und Müller? Ihm bleibt lediglich die Joker-Rolle. “Das ganze Jahr war nicht das Jahr des Thomas Müller. Er hat nicht die Form, die man von ihm kennt”, sagte Löw. So klingt ein Abschied auf Raten. Neuer (83 Länderspiele), Hummels (70), Kroos (91), dazu der Chef der Jugend: Joshua Kimmich (37) – das sollte die Achse der Hoffnungsträger für die nächsten Jahre sein, bei Hummels zumindest für die EM 2020.

Endlich, endlich: Der Umbruch läuft

Der Umbruch ist, wenn auch spät, erfolgt. Sechser Joshua Kimmich und Innenverteidiger Niklas Süle gehören zu den Stützen der neuen Elf. Nach dem Vorrunden-Aus in Russland hatte Löw zu lange am Establishment, am Gros seiner Weltmeister von 2014, festgehalten. Zu den frischen Gesichtern gehört neben dem Angriffstrio vor allem Julian Brandt (22), Thilo Kehrer (22) und Kai Havertz (19).

“Mein Gefühl sagt mir, dass wir gut aufgestellt sind mit diesen Spielern”, meinte Löw trotz der Enttäuschung über den verpassten Sieg zum Jahresabschluss. Er versprach: “Wir werden wieder eine gute Mannschaft auf den Platz schicken, die guten Fußball spielen lässt. Wir haben viel Potenzial.” Er gehe “mit einem guten Gefühl” in die Winterpause der Nationalelf, die Qualifikationsspiele zur EM 2020 beginnen erst im März. Dieser Herbst mache ihm – den Abstieg in die Liga B der Nations League mal beiseitegeschoben – “viel, viel Mut fürs nächste Jahr.”

Löw: “Die richtige Mischung macht’s”

Wichtig wird es dann sein, Erfahrung und Jugendwahn bestmöglich zu kombinieren. “Es braucht in einem Kader drei, vier Spieler, die Erfahrung mitbringen”, so Löw, “nur junge oder nur alte Spieler werden nicht zum Erfolg führen – die richtige Mischung macht’s.” Der Umbruch aber benötige noch Zeit, das gehe “nicht so einfach von heute auf morgen”.

Im Herbst 2018 spielte diese reformierte Nationalelf zwischen Gestern und Morgen, strauchelte dabei im kniffligen Heute. Werner gab die Losung für das DFB-Team aus. “2018 abhaken, 2019 in die EM-Quali starten und dann alles besser machen.”

Gegen Ende der Partie übrigens zerriss Löw auf der Bank wütend einen Zettel. Den Matchplan? Noch so ein Sinnbild: Weg mit den Notizen, fort mit dem Jahr 2018. Endlich vorbei und vorüber.

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